Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

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390 Literaturberichte. 
Hauptgewicht wird daher auf eine Einordnung der Person und der Werke des Dichters in 
einen kulturgeschichtlichen und geisteswisgenschaftlichen Zusammenhang gelegt. Der erste 
Abschnitt führt uns in den Geist des 18. Jahrhunderts ein, indem er die Grundlagen der 
Aufklärung in Philogophie und Dichtung aufzeichnet, und läßt uns Goethes Auftreten aus 
dieser Bewegung heraus verstehen. Die folgenden Abschnitte tragen die Überschriften: „Im 
Sturm und Drang“, „Das Ideal der Humanität und die Bedeutung der Antike“, „Goethe 
und Schiller“, „Goethe und die Romantik“, „Der alte Goethe und der Geist des neuen Jahr- 
hunderis“. So wird in großen Zügen das Verhältnis Goethes zu den geistigen Bewegungen 
von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert dargelegt. Die Ergeb- 
nisse der neusten wisgenschaftlichen Forschung Sind in der Fülle des Materials Sorgfältig 
verwertet und mehrfach durch eigene Beobachtungen glücklich ergänzt. Wenn man auch die 
Ausführung an einzelnen Stellen im Verbältnis zu den Hauptgedanken vielleicht etwas zu 
weit findet, wenn man andrergeits manchmal die Entwicklungslinien noch tiefer verfolgen 
möchte und eine schärfere Formulierung wünschte (ich denke z. B. an den Begriff der „schönen 
Seele“ S. 78 und an die „romantische Ironie“ S. 112), 80 tun doch gsolch kleine Uneben- 
heiten dem Wert des Ganzen Keinen Eintrag und gind bei einer gedrängten Überzicht über 
einen 80 umfangreichen Stoff kaum zu vermeiden. 
Das Büchlein bietet für jeden Goethefreund gchätzenswerte Anregungen, besonders wird es 
auch der Lehrer des Deutschen in Prima mit Nutzen für den Unterricht durcharbeiten. 
Griesgheim bei Darmstadt. W. Moog. 
Fischer, Kuno, Goethes Faust. Heidelberg 1912, Carl Winters Univerzitätsbuchhandlung. 
Dritter Band. 4. Auflage. 374 S. geh. 2,50 Mk., kart. 3 Mk. 
Unter den Erklärungsschriften zu Goethes Faust, deren Zahl immer mehr wächst, steht 
Kuno Fischers Erläuterung in erster Linie infolge der Meisterschaft, mit der er den geistigen 
Gehalt dieser tiefsinnigsten deutschen Dichtung erfaßte, den Zusammenbhang der einzelnen 
Teile darlegte, in die 80 verschiedenen Stimmungen und Situationen gsich hineinlebte, nicht 
zuletzt infolge der frischen, temperamentvollen Darstellungsweise. Der vorliegende Band ent- 
hält die Erklärung des ersten Teils nach der Reihenfolge Seiner Szenen von Fausts zweitem 
Monolog bis zum Schluß des ersten Teils. Der Herausgeber der vierten Auflage, Dr. Viktor 
Michels, erklärt mit Recht Kuno Fischers Erläuterung des Faust für „ein Werk aus einem 
Guß“. Man findet es deswegen auch begreiflich, daß er an dem Texte dieses Bandes nichts 
änderte, sondern sich nur darauf beschränkte, da und dort kleine tatsächliche Irrtümer still- 
Schweigend zu berichtigen, anderes in Anmerkungen beizufügen und in einem „Nachwort“ 
einige der wichtigsten Kontroversen herauszugreifen. So wird auch diese vierte Auflage das 
Ihrige dazu beitragen, dieger geist- und lebensprühenden Erläuterung des Faust neue Leger 
zuzuführen. Der Preis ist gegen früher bedeutend herabgegetzt, die Ausstattung ist aber nichts- 
destoweniger gleich schön geblieben. 
Freiburg i. B. | = L. Zürn. 
Deckelmann, H., Die Literatur des 19. Jahrhunderts im deutschen Unterricht. 
Berlin 1912, Weidmannsche Buchhandlg. 328 S. geb. 5 Mk. 
In letzter Zeit ist wiederholt von Lehrern des Deutschen die Forderung aufgestellt worden, 
man Solle auch die nachgoethische Zeit der deutschen Literatur in Prima bebandeln, 
Durch die Erfüllung dieser Forderung werde eine Brücke geschlagen zwischen dem Klassizis- 
mus und der Literatur der lebendigen Gegenwart und die Jugend zu einem wenn auch nicht 
vollständigen Verständnis des geistigen Lebens der Gegenwart hingeleitet. Zudem habe die 
Jugend ein lebhaftes Interesse für die neuzeitliche Literatur. Finde sie nun in der Schule 
keinen Führer durch den Irrgarten der modernen Dichtung, 80 sei Gefahr, daß zie das Ver- 
kehrte bewundere und 80 ihren Geschmack verderbe. In dem vorliegenden Buch haben wir 
einen recht beachtenswerten Versuch, die Jugend in die nachgoethische deutsche Dihhtung 
einzuführen, zu begrüßen. Es gsieht vom biographischen und literarhistorischen Stoff fast
	        

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