Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
406 Adolf Matthias über die Zukunft des deutschen Schulwegens. 
 
verwaltung heraus waren die beiden Konferenzen mit innerer Notwendigkeit 
nicht erwachsen. Die Unterrichtsverwaltung fühlte in gsich nicht das 
Bedürfnis zu reformieren; es war kein aus pädagogischen, schulwisgen- 
Schaftlichen und schulgeschichtlichen Motiven arbeitendes feines, histo- 
riSches Weiterspinnen, was hier vor gich ging.“ „Es fehlten die histo- 
riechen Vorausgetzungen einer natürlichen und organischen Entwickelung 
der Anschauungen im Kultusministerium.“ Mit diegem Urteil nimmt 
Matthias die KLinsichten der größten Epoche preußischer Schulorganisation 
wieder auf: Das Bildungswesen ist ein Organismus, dem man nicht auf 
dem Wege der Verordnung hier und da ein Stück einflicken kann. Der 
LZagammenhang mit der Univergsität mag gewahrt worden Sein; an das 
Volksschulwesen hat man nach Matthias bei den Konferenzen 80 wenig 
gedacht wie an die Gliederung des modernen Berufslebens und die ihm 
dienenden Vorbereitungsanstalten neben der Univergität. 
Ist dies 80, dann entsteht die Frage, wie denn die organische Fortbildung 
des Schulwegens Sich hätte gestalten können und welche Motive der ganzen 
Bewegung wirklich zugrunde lagen. Die Antwort darauf gibt das Buch 
von Matthias in geiner Gesamtheit. Die moderne Pädagogik dreht sich 
gar nicht um das Problem Humanismus und Realismus allein, Sondern zie 
hat umfasgendere Ziele und kann deghalb durch die Errungenschaften 
der Lehrpläne von 1901 nicht als erschöpft gelten. Ihre wahren Trieb- 
federn 8ind in der allgemeinen Kulturentwickelung, vor allem aber in 
der politisechen Umbildung der Gegenwart zu suchen. 
Das humanistische Ideal hat Sich von dem Gymnagium, das früher 
Sein einziger Träger zu Sein beanspruchte, ausgedehnt auf alle höheren 
Schulformen Deutschlands überhaupt: es ist ein deutsch-humanistisches 
Ideal geworden, ruhend auf deutschen Geistesschätzen und einem zu sich 
Selbst gelangten nationalen Bewußtsein. Auch das Gymnagium Sselbst 
hat Sich umgestaltet: es verkörpert die historische Seite der modernen 
Bildung und hat ein neues Verhältnis zum Altertum gefunden, das um 80 
produktiver ist, als es von der modernen Geistesbewegung in bewahrender 
und vertiefender Arbeit selbständig errungen worden ist. Die unorganisch 
nebeneinander stehenden drei höheren Schulen aber wird die Zukunft 
immer mehr in Reformanstalten Frankfurter SyStems umwandeln, deren 
Wert und Berechtigung nirgends 80 eindrucksvoll verteidigt worden ist, 
wie In dem betreffenden Kapitel des Buches. 
Aber das alles Sind doch eigentlich nur Symptome. Die Umbildung 
ungeres Schulwegens greift tiefer und hängt inniger mit dem Leben der 
Gegenwart zusammen. Zahlreiche Anzeichen sind bemerkbar, daß nicht 
nur die Formen, gondern der Geist des inneren Schulbetriebes in unseren 
Tagen ein anderer zu werden beginnt. -- 
Jede Schule, die mit dem Volkgleben in engem, organischem Zusammen- 
hang bleibt, spiegelt in ihrer Gesamtheit den Geist des allgemeinen öffent- 

	        

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