Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
430 Das spätere Mittelalter im Geschichtsunterricht der Oberstufe. 
ich überzeugt Sein werde, daß der Gegschichtsunterricht im letzten Sinne 
ethischen Aufgaben dient, Solange werde ich glauben, daß man von Bei- 
Spielen kühnen Wollens und heldenhafter Aufopferung nicht Schweigen 
darf; und golange ich glauben werde, daß man von weltgeschichtlichen 
Ereignissen, Wendepunkten der Entwickelung, ein anschauliches Bild 
geben muß, solange werde ich auch glauben, daß von den weltgeschicht- 
lichen Schlachten die Rede Sein muß.“ Ein völliges Streichen wird aber 
wohl kaum einem Gegchichtslehrer in den Sinn kommen; daß man von 
diesen nicht 8chweigen darf, daß von den weltgeschichtlichen Schlachten 
die Rede Sein muß, unterliegt keinem Zweifel. Aber ich frage hier wieder- 
um, braucht das alles in Solcher Ausführlichkeit behandelt zu werden, 
wie das tatsächlich noch vielfach geschieht, und goll der Schüler dann 
auch alle Einzelheiten gSich gedächtnismäßig einprägen ? Soll er in den 
Prüfungen über die Schlachten, Feldherrn, beispielsweise des spanischen 
Erbfolgekrieges, des nordischen Krieges, des österreichischen Erbfolge- 
krieges, der Koalitionskriege Auskunft geben können ? Soll man die kostbare 
Zeit darauf verwenden, daß man, wie Baumann aus geiner Unterrichts- 
praxis erzählt?), die Schlachten an der Wandtafel entwickelt ? Daß man 
dadurch „gespannteste Aufmerksamkeit“ erzielt, will ich nicht leugnen. 
Diese läßt Sich auch durch Erzählen von Anekdoten erreichen. Es kommt 
aber doch nicht darauf an, den Unterricht nach dem Geschmack der 
Schüler einzurichten. Daß in dem einen oder andern Fall, wo tatsächlich 
„ein Beispiel kühnen Wollens und heldenhafter Aufopferung“ vorliegt, 
wie etwa in der Schlacht bei Leuthen, der Lehrer dieses ethische Moment 
mit Freuden aufgreifen wird, bedarf wohl nicht der Bestätigung; daß aber 
anderergeits gerade aus der Kriegsgeschichte sehr vieles entbehrt werden 
kann, erscheint mir unbestreitbar. 
In welcher Weise wird gich nun nach den oben aufgestellten Grundsätzen 
die Stoffauswahl für das Spätere Mittelalter, die Zeit vom Ausgang des 
Staufischen Kaiserhauses bis zum Beginn der Reformation gestalten ? 
Weghalb gerade diese Periode deutscher Geschichte gewählt wurde, 
dafür habe ich mehrere Gründe. Es will mir nämlich gcheinen, daß die 
Jahrhunderte, die auf das Interregnum folgen, nicht immer die Berück- 
Sichtigung finden, die ihnen in der gegschbichtlichen Entwickelung unseres 
Vaterlandes gebührt, und daß demgemäß die Schüler von dieger Zeit ein 
Schiefes, wenn nicht ganz falsches Bild gewinnen. Freilich, wenn man 
den Hauptnachdruck auf die König- und KaisSergegschichte legt, mag 
diese Geringachtung des späteren Mittelalters berechtigt 8ein. Aber während 
der Jahrhunderte starker Kaiser- und Königsgewalt sind Kräfte geweckt 
worden, die nicht mit dem Verfall dieser Gewält verkümmerten, Sondern 
die gerade durch das Fehlen einer starken Herrschergewalt frei wurden 
1) Baumann, Der bildende Gegschichtsunterricht, Monatschrift für höh. Schulen 
1908, 8. 364.
	        

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