Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Das spätere Mittelalter im Geschichtsunterricht der Oberstufe. 431 
und gich entwickeln konnten. Das deutsche Volk blieb auch während der 
nächsten Jahrhunderte voll strotzender Kraft und hat geschichtliche 
Leistungen von gewaltiger Größe vollführt. Darum gebührt gerade der 
inneren Gegehichte in dieser Zeit eine eingehendere Betrachtung, als ihr 
bisher geworden 1st. 
Aber noch aus einem anderen Grunde. Eine eindringende Kenntnis 
dieger inneren Entwickelung erschließt uns erst das Verständnis der neuen 
Zeit. Denn worin besteht der Fortschritt der Neuzeit gegenüber dem Mittel- 
alter? Es ist ein Doppeltes: Die Durchführung des modernen Staatsge- 
dankens und die Befreiung des Individuums aus den genossenschaftlichen 
Schranken. Die geschichtliche Entwicklung aber geht langsam; es läßt 
Sich keine Strenge Scheidewand ziehen zwischen Mittelalter und Neuzeit, 
die Fäden spinnen gich hinüber und herüber. Gerade die Jahrhunderte 
von 1300 bis 1500 sind eine Periode des Übergangs. Hier finden wir die 
Kräfte tätig, die das Neue geboren haben. 
Ein dritter Grund ist ein methodischer. Nach der bisher üblichen 
Metbode, die in den meisten gebräuchlichen Lehrbüchern zur Anwendung 
kommt, richtet Sich die Anordnung des Stoffes nach der chronologischen 
Folge der Kaiser und Könige. Diese biographische Behandlung der Ge- 
Schichte scheint mir aber nur dann gerechtfertigt zu ein, wenn wirklich 
bedeutende Pergönlichkeiten die Entwicklung des Reiches bestimmten 
und ihrer Zeit ihren Stempel aufdrückten. Für die Zeit Karls des Großen, 
der gächgischen und staufischen Kaiser trifft das zu. Das Kaiser- und 
Königtum bedeutete damals tatsächlich etwas für das Leben des Einzelnen 
wie der Gesamtheit. Die Bedeutung aller Kaiser und Könige aus diesen 
Herrgcherhäugern geht über das durchschnittliche Maß hinaus. Die großen, 
die Entwicklung der Nation nachdrücklich bestimmenden Kämpfe zwischen 
Kaiser- und Papsttum im Investiturstreit und in der Zeit der Staufer 
werden zu einem gewaltigen Ringen machtvoller Persönlichkeiten. Das 
Reformationgszeitalter erhält Seine persönliche Note durch die markige 
Gegstalt eines Martin Luther. Was der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm I. 
und Friedrich der Große für die Entwicklung des brandenburgisch-preußi- 
gchen Staates bedeuten, bedarf keiner Hervorhebung. In solchen Fällen 
2180, wo der Fortsechritt in der geschichtlichen Entwicklung das eigenste 
Werk kraftvoller Persönlichkeiten ist, machen 8achliche und pädagogische 
Momente eine Gliederung des Stoffes nach biographischen Gesichtspunkten 
notwendig. Große Männer haben aber nicht immer die Entwicklung der 
Mengchheit gefördert. Die Kaizer und Könige des späteren Mittelalters 
haben nicht mehr die mannigfachen Kräfte, die im Reiche wirksam waren, 
zusammenſfasgen und den Reichszwecken dienstbar machen können. Es 
. „wurde der Zusammenhang der Reichsbevölkerung mit ihrem nominellen 
obersten Herrn und Gebieter immer mehr gelöst. Er entschwand ihrem 
Bewußtsgein; Sein Name ward allenfalls noch mit Ehrerbietung genannt,
	        

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