Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
30 Sport und Spiel und die höheren Schulen. 
die Sympathien erworben, die er heute begitzt. So aber folgte bald der 
' natürliche Prozeß der Läuterung, das Ganze kam nach mancherlei Stürmen 
in ruhigeres Fahrwasger und unter Mitwirkung der Eltern und Lehrer, die 
aber verständigerweise mehr hinter den Kulisgen agierten, hat ich der „Wander- 
vogel“ zu einer achtunggebietenden Macht entwickelt; umfaßt er doch heute 
Schon mit geinen zahlreichen über das Reich weithin verstreuten Zweigvereinen 
viele Tausend deutscher Knaben und Jünglinge.!y) Wenn der Gründer des 
Jungdeutschlandbundes, Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz, einer 
von manchem vielleicht geteilten Empfindung Worte leiht, indem er gagt: 
„Nur Wandern, ohne andern Zweck als die Bewegung im Freien; ermüdet 
am Ende den Geist und läßt das Interesse erlahmen“, 80 müsgen wir ihm 
entschieden widersprechen und auf die Unterschiede des Wandersports vom 
planlogen Spazierengehen hinweisen, zudem betonen, daß es gich bei den 
Touren des Wandervogels nie darum handelt, eine bestimmte Kilometerzahl 
in möglichst kurzer Rekordzeit zu bewältigen. Abgesehen von den infolge 
der kräftigen Bewegung in reiner Luft hervorgerufenen günstigen physischen 
Wirkungen --- Stärkung der Mugkeln, Auffrischung der Säfte, Kräftigung 
des Herzens und der Lunge, Schärfung der Sinne --- ist die psychische 
Beeinflussung nicht zu unterschätzen. Verstand, Gefühl und Wille nehmen 
in gleicher Weise an den Segnungen einer recht betriebenen Wanderfahrt 
teil.?) Und daß von all diesen Vorteilen im , Wandervogel“ gelbst nie die 
Rede ist, daß gie unerkannt ihre gegensreiche Rolle Spielen, ist nicht ihr 
geringster Vorzug. --- Der früher bemerkbare Hang, möglichst originell zu 
erscheinen, iet dem Wunsche, zweckmäßig und einfach gekleidet zu Sein, 
gewichen: „Der Anzug darf alt gein, niemals aber zerrisgen, ungebürstet und 
ohne Knöpfe. -- Am Hut erkennt man, ob der Träger ein Affe, ein Stromer, 
ein Geck oder ein Wandervogel ist. -- Mache gich keiner unkenntlich!“ 8o 
beißt es in den Ausrüstungsvorschriften des Verbandes Deutscher Wandervögel. 
Zweckmäßigkeit alles Tuns, Einfachheit, Entgagung, vernünftige Lebens- 
auffasgung und Kameradschaftlichkeit, das gind die idealen Güter, die der 
» Wandervogel“ im stillen Wirken schafft. Wer ein Kind des Glücks wer- 
den, wer gich gelbst zur Weltfreude erziehen will, der muß gich möglichst 
früh daran gewöhnen, zich an den kleinen Freuden des Lebens genügen zu 
Jasgsen, denn die großen gind zu gelten, und allzuviele gind über dem Warten 
auf gie und dem Jagen nach ihnen gestorben. Bei der Kürze der Zeit kann 
ich mich hier nur auf einige Andeutungen beschränken, indesgen genügen 
die ja auch wohl in diesem Kreise, da gie vielleicht zum Weiterdenken in 
!) Im Jahre 1910 (für 1911 und 12 liegen die Ergebniege noch nicht vor) ind 5150 Fahrten 
von !/,--1?/, täügiger Dauer gemacht worden, an denen gich 61000 Wanderer beteiligten. 
Wandervogel, 7. Jahrg. Heft 1. --- Freiherr v, der Goltz, Jung-Deutschland (Berlin, Paetel, 
1911), S8. 58. 
*) Vgl. Jung-Deutschland. Erörterungen und Erfahrungen von R. Poppe, Beilage zum 
Jahresbericht des städt. evang. Gymnasiums Waldenburg in Schlegien 1912,
	        

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