Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
432 Das spätere Mittelalter im Geschichtsunterricht der Oberstufe. 
besonders wenn man berechtigten oder unberechtigten Eigenwillen durch 
ihn zu decken suchte, für das Leben von Millionen bedeutete er kaum noch 
etwas. Sie hielten den Blick auf die Hand gerichtet, die unmittelbar über 
ihnen war““). Von den Herrschern des späteren Mittelalters verdient daher 
kaum einer (vielleicht mit Ausnahme der sympathischen Rittergestalt 
Heinrichs VII. und Karls IV.) eine eingehendere Behandlung. Es genügt, 
wenn die Schüler eine greifbare Anschauung erhalten von der Entwicklung 
des Königtums im Dienste der Hausmacht. Die Gegensätze zwiSchen 
Königtum und Papsttum in dieger Zeit entbehren des persönlichen Inter- 
esses, das gich für uns in den früheren Jahrhunderten mit den Schickgalen 
der im Kampf Stehenden Persönlichkeiten verbindet. Papsttum und König- 
tum als unpersönliche Institutionen stehen zich gegenüber. Die einzelnen 
Äußerungen des Kampfes sind heute für uns nur noch von Bedeutung für 
die Entwicklung des Papsttums in diesen Jahrhunderten. Und doch finden 
wir während des späteren Mittelalters überall reiches Leben. Wenn auch 
das deutsche Königtum durch den Sturz der Staufer aus Seiner fübrenden 
Stellung verdrängt wurde, das deutsche Volk ist nicht entkräftet worden. 
In den einzelnen Cliedern des Reiches, den Territorien und Städten, ist 
der Fortschritt in der Entwicklung aufzusuchen, hier vollziehen Sich Wand- 
lungen und Neuerungen, die das Werden einer neuen Zeit ankündigen. 
Unpersönliche, wirtschaftliche Kräfte (Übergang von der Natural- zur 
Geldwirtschaft) gind die letzten Gründe dieser die Weiterentwicklung 
bestimmenden Umwälzung. 
Wollte man nun, wie das bisher geschehen ist, den geschichtlichen 
Stoff um die einzelnen Herrscher aus den verschiedenen Fürstenhäusern 
gruppieren und gleichsam nur anhangsweise hieran die innere Entwicklung 
des Reiches und Volkes anschließen, 80 müsgen dadurch notwendig die 
Schüler ein ganz falsches Bild von der geschichtlichen Entwicklung über- 
haupt erhalten. Historisches Verständnis wollen wir aber durch den 
Gegehichtsunterricht fördern und darüber hinaus, wenigstens für die Ober- 
gtufe, den letzten Gründen bhistorischer Entwicklung nachspüren und 
gomit eine univergalhistorische Betrachtung anbahnen?). Die Schüler 
dieger Stufe müsgen doch gchon begreifen lernen, daß neben der Pergsönlich- 
keit noch anderen Kräften für die Entwicklung der Menschheit Bedeutung 
zukommt. Dieses unpergönlich Wirkende wird aber niemals den Schülern 
anschaulich werden durch eine Avordnung des Stoffs nach der chrono- 
Jogischen Folge der Herrscher. Dadurch wird Zusammengehöriges aus8- 
einandergerisgen und Wegensverschiedenes nebeneinandergestellt. Er- 
1) D. Schäfer, Deutsche Gegchichte 1, 355. 
2) Die Bedeutung der Persönlichkeit und der Masse für die geschichtliche Ent- 
wicklung ist namentlich erörtert worden in dem Prinzipienstreit zwichen Lamprecht 
und den Vertretern der Rankeschen Schule. Vgl. die Literatur bei G. v. Below, 
die neue historische Methode. Hist. Ztschr. Bd. 45, 1898.
	        

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