Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Sport und Spiel und die höheren Schulen. 31 
der eingeschlagenen Richtung anregen. Jedenfalls werde ich kaum aut 
Widerspruch stoßen, wenn ich behaupte, daß die Wanderfahrt ein Erziehungs- 
mittel allerersten Ranges ist, das die Erziehungsarbeit der Schule wirksam 
unterstützen kann, wenn gie recht gehandhabt wird. 
In diegem Bedingungsgatz liegt aber die Möglichkeit angedeutet, daß der 
Vorteil illusorisch werden oder gar in eine Schädigung umgchlagen kann. 
Wenn die körperlichen Anforderungen überspannt werden, wenn schon Sex- 
taner und Quintaner Tagesmärsche von über 25 Kilometern machen, wenn 
ungere Jungen erst gegen Mitternacht von der Wanderfahrt nach Hauge 
kommen, wenn bei mehrtägigen Wanderungen auf die gute Beschaffenheit 
des Nachtlagers 80 wenig Wert gelegt wird, daß die Teilnehmer ein zu ge- 
ringes Maß des nach körperlichen Anstrengungen zum Ersatz der Kräfte 
und Ausscheiden der Ermüdungsstoffe unbedingt notwendigen Schlafes er- 
halten, wenn nur, um im Freien abkochen zu können, die Ruckgäcke mit 
gchweren Kongervenbüchsen und anderen Eßvorräten überladen werden, wenn 
überhaupt nur abgekocht wird, um der Räuberromantik willen, wenn der Ehr- 
geiz darin gegucht wird, möglichst lange oder Schwierige Märsche zu machen, 
dann wird Vernunft Unsinn, Wohltat Plage! 
In geinem gsonst 80 hübschen Buche „Fröhlich Wandern“!) Sagt der um 
die Sport- und Spielbewegung in Deutschland hochverdiente Geb. Hofrat 
Prof. Dr. Raydt: „Den höchsten Berg der Heimat muß jeder Schüler 
bestiegen und ihren breitesten Strom durchschwommen haben.“ Sollte das 
die Parole ungeres Wandervogels werden, 80 könnte man nur wüngchen, daß 
er baldigst von der Bildfläche verschwände, denn die körperlichen Schädi- 
gungen, die die Befriedigung dieses Ehrgeizes im Gefolge hätte, Sind nicht 
auszudenken. Ebenso muß des Verfassgers Ansicht bekämpft werden, daß es 
gesunden Schülern gar nichts schade, daß aus dem Schlafe im Nachtquartier 
„meist nicht viel zu werden pflege“. Auch das von ihm empfohlene Biwak 
iet für die jungen, in der Entwicklung begriffenen, also noch nicht gefestig- 
ten Organismen m. E. recht gefährlich. -- Und hier wie später noch öfter 
muß darauf hingewiegen werden, daß nach einhelliger Angicht der Ärzte und 
nach mannigfachen traurigen Erfahrungen von Sportsleuten aller Art eine 
leibliche Schädigung durchaus nicht sofort erkennbar zu sein braucht, 8o0n- 
dern daß gerade durch solche Übertreibungen mitunter ein unheilvoller Keim 
gelegt wird, der erst später sichtbar aufgeht und eich zu chronischem Leiden 
(z. B. Rheumatismus, Herz-, Lungen- und Nervenkrankheit) entwickelt und 
auswächst., Diegen Punkt übergehen die Sportfanatiker geflisgentlich in ihren 
Krörterungen, und doch ist es noch nicht erwiegen, ob nicht manche der 
Schule und ihrem Sitz- und Lernbetriebe zur Last gelegte Krankheit auf 
das Konto übermäßig, zu früh oder unrechtmäßig (d. h. ohne Kenntnis der 
Leistungsfähigkeit des eigenen Körpers) geübten Sports zu setzen ist. 
!') „Fröhlich Wandern“ von H. Raydt. Teubner, Berlin und Leipzig 1912, 8. 50.
	        

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