Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
444 | Küngstlerische Erziehung in Frankreich. 
hunderte hindurch die vornehme Eleganz des Auftretens, Sichbewegens und 
Sprechens zum Ausdruck hoher Lebenskunst geprägt hat. Die Jaques- 
Dalerozesche Methode verpflanzte kürzlich Jean d'Udine nach 
Frankreich. | 
Die künstlerische Erziehung hat besonders durch die Reform des Zeichen- 
unterrichts im Sinne der Selbsttätigkeit der Schüler eine außerordentlich 
kraftvolle Förderung erfahren. Dieger Unterricht hat Seit dem Jahre 1853, 
da er in den Rahmen der normalen Lehrgegenstände eingefügt wurde, merk- 
würdige Wandlungen durchgemacht. Damals entwickelte der ästhetische 
Metaphygsiker Ravaisgon in Anlehnung an Vinei, Ingres, Delacroix 
und Flandriv ein auf metaphysischen Grundlagen ruhendes System, das 
bis 1876 im franzögischen Unterricht maßgebend gewesen ist. Das Zeichnen 
Soll die Seele zum Gefühl des Schönen vorbereiten. Das geschieht durch 
das Studium der vollkommensten Dinge. Nun ist das Vollkommenste und 
Harmonigchste das menschliche Antlitz. So ist die Darstellung des mensch- 
lichen Antlitzes das A und O dieges Unterrichts. Aber die Kluft zwischen 
Ideal und Wirklichkeit war 80 tief, daß andere Wege gesucht werden mußten. 
Von neuem trat ein Metaphysiker auf den Plan, der Bildhauer Guillaume. 
Für ihn war die Geometrie der Grund aller Dinge; aut ihr beruht auch die 
Wiggenschaft des Zeichnens. Die Wisgenschaft des Zeichnens! Das gefiel 
dem gern aufs Logische und Abstrakte gerichteten französischen Gelist. 
Das klang voll und stolz in den Jahren, da „die Wisgenschaft“ das Allbeil- 
mittel schien. Jahrzehntelang, bis 1909, beherrschte die geometrische 
Methode die offiziellen Schulen und erhob die Langweile zum Unterrichts- 
prinzip. Immer zahlreicher erhoben ich die Klagen gegen die künstlerische 
ünd wirtschaftliche Rückständigkeit dieses Unterrichts, und 1909 wurde 
eine neue, besonders von dem Jetzigen Generalinspektor des Zeichnens, 
Quenioux, ausgestaltete Methode eingeführt, die den Anlagen und Bedürf- 
nisgen des Kindes Rechnung trägt, den Zeichenunterricht als Entbindung 
Schöpferischer Kraft dem literarischen und wisgenschaftlichen Unterricht 
zur Seite stellt und in der Veredlung des Kunstsinns und dem nachfühlenden 
Verständnis der Kunstwerke gipfelt. | 
Nur langsam und mühsam Sschreitet die Erziehung zur mugikalischen 
Bildung fort. Die musikalische Begabung des Galliers ist im allgemeinen 
nicht vielseitig. Oper und Chanson beherrschen die franzögische Musik 
des 19. Jahrhunderts. Aufführungen großer weltlicher oder religiöser 
Tonwerke werden nicht Sache des ganzen Volkes. Die mit Cäsar Franck 
eingetzende Bewegung der Schola cantorum ist auf bestimmte Kreise be- 
gchränkt geblieben, ähnlich der Entfaltung der neuen Iyrischen Dichtung. 
Und doch braucht die demokratische Republik Volksfeste, wie einst in 
der athenischen Republik vom Volk fürs Volk gefeiert, als Ausdruck hoher, 
edler Freudigkeit, das heißt des Glaubens an aich und an die Mengchheit. 
Zu Anfang der 80er Jahre wurde der Gesangunterricht amtlich eingeführb.
	        

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