Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Sport und Spiel und die höheren Schulen. 33 
Jüngst iet nun von den Provinzialschulkollegien angeordnet worden, 
daß für die an einer Schule bestehende Wandervogelgruppe ein Ober- 
lehrer als Protektor bestellt werde. Von dieger Einrichtung verspreche 
ich mir viel, wenn gie richtig gehandhabt wird. Die Jungen gind meistens 
Sehr froh, wenn man Interesse für ihre Dinge zeigt und nehmen Ratschläge, 
wie ich aus eigener Erfahrung weiß, gern an. Man nehme daher 
dauernde enge Fühlung mit den Führern, man überwache die Mitgliederliste 
und verbiete ungeeigneten Elementen die Beteiligung, man Sorge dafür, daß 
bei den beliebten 11!/, Tagestouren vor Antritt der Fahrt 80 viel Zeit ge- 
lassen werde, daß die Schüler ihre Arbeiten erledigen können, denn „der 
Wandervogel büßt Seine erzieherische Wirkung, von der wir 80 viel erwarten 
dürfen, ein, wenn er es zuläßt, daß geine Leute ihre hauptsächlichste Pflicht, 
die Schularbeit, auch nur in einem Punkte weniger ernst nehmen“) Man 
lasse Sich das Programm mitteilen und sorge dafür, daß zur Heimfahrt ein 
Zug benutzt werde, der die Jungen zu gehöriger Zeit wieder nach Hause 
bringt, man gestatte die Benutzung von Liederbüchern nicht, in denen un- 
passende Lieder sich befinden und -- die Hauptsache, man opfere hin und 
wieder geinen Sonntag, Sei einmal gelbst Wandervogel und tröste die Gattin 
mit dem schönen Spruch: 
„Gib mir Schnell noch einen Kuß 
Weil ich heute wandern muß, 
Ich bin dein in Ewigkeit -- 
Heute hab' ich keine Zeit!“ 
Und dann noch eins: Die Schule getze sich in lebendigere und innigere 
Beziehung zu dem Wandervogel. Der Botaniker mache auf Eigentümlich- 
keiten der Flora der zu dyrchwandernden Gegend, der Zoologe auf beson- 
dere Tierarten aufmerksam, der Historiker verweise auf geschichtlich inter- 
essante Bauten und Örtlichkeiten, der Germanist halte zur Beobachtung der 
Sprechweise des Volkes und zum Sammeln wenig bekannter Volkslieder an, 
der Kulturhistoriker aber veranlasse die Jungen zur Beobachtung der Bau- 
und Kunstdenkmäler. Auf diese Weise kann die Schule zur Vertiefung der 
Wanderfahrten viel beitragen. Dies alles natürlich ohne Zwang und Auf- 
dringlichkeit, es kommt nur darauf an, die Jungen zu eigenem Urteil, zum 
Beobachten anzuleiten. Das 8cheint mir wichtig genug, da die Gefahr, daß 
der Wandertrieb Sich zum Vagabundentrieb auswächst, nicht gering ist. Prof. 
Wähmer hat jüngst auf diesen Punkt gewiegen; er gagt: „Wandertrieb als 
Bildungstrieb erfordert eine gewisse Bildungsgrundlage.“ ?) „Die auflebende 
Wanderlust ungerer Jugend ist eine Erscheinung aus den Tiefen der Volks- 
Seele. Darum lege unger junges Volk, wenn es den Rucksack umhängt, in 
die rüstige Bewegung und Stählung des Leibes denn auch die Pflege 
1) Poppe, 3.3.0. 8. 15. 
») Päd. Archiv 1912, Heft 7/8. 
Pädagogisches Archiy. - | 2
	        

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