Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Literaturberichte. 465 
 
Vowinkel, Realschuldirektor Dr. Ernst, Beiträge zur Philosophie und Pädagogik. 
Verlag von Leonhard Simon N. F., Berlin 1912. 255 S. 4 Mk. 
Abgegehen von den beigefügten drei Reden, welche die Anwendung der theoretischen 
Betrachtungen auf die praktische Wirklichkeit zeigen Sollen, aber bedeutsamer Sein müßten, 
um den Eindruck des Buches nicht zu Schwächen, bekunden die Essays ihre Zugehörigkeit 
zur wisSenschaftlichen Philosgophie durch die Gründlichkeit und Schärfe der Gedanken- 
führung, freilich aber auch durch die Neigung zur Systematisierung und durch das Übermaß 
an philosophischer Terminologie. Schade wäre es, wenn wegen dieger Äußerlichkeiten das 
Buch dem Legerkreis weniger zugänglich würde, für den es in erster Linie bestimmt i18t. 
Es wird der Verguch unternommen, zwischen der psychologischen und transzendentalen 
Erkenntnislehre die Brücke zu Schlagen und 80 den psychologischen Erfahrungen die Mög- 
lichkeit zu geben, in der reinen Logik befruchtend zu wirken, allerdings nur bei der Erklärung 
der Entstehung der Kategorien, denn diese selbst bleiben nach wie vor unabhängig von jeder 
empirischen Bestimmung. Von der richtigen Ansicht ausgehend, daß das Gefühl das Eigen- 
gebiet der „Seele“ ist, wird der unbewußte Seelenbestand, der zich erst zum reinen Denken 
erbebt, von Vowinkel als Denkgefühl bezeichnet. Wer einen Weg sucht, sich diese Auf- 
fasgung verständlich zu machen, erinnert gich vielleicht, daß es immer nur Gefühlslagen sind, 
welche Erlebnisse irgendwelcher Art unauslöschlich in unserm Geiste festlegen. Wenn alles, 
was uns bewußt wird, dem reinen Denken angehörte, könnte man Sich wohl entschließen, 
den Weg vom physischen Reiz über die hypothetische Empfindung und das unbewußte 
Gefühl zur reinen Kategorie durchzumachen, 80 aber ist zu warnen vor der Gefahr der Ein- 
Seitigkeit. 
Es ist erfreulich, daß man Sgich endlich auch in Pädagogenkreizen zur Ansgicht bekehrt, 
daß die Pflicht nicht der oberste Moralbegriff ist und daß Egoismus und Altruismus Über- 
gangszustände gind, die Keiner sittlichen Wertung unterliegen. Mit einer Ethik, die als höchsten 
Grundsatz die Treue gegen ich aelbst aufstellt, wird jedenfalls mehr erreicht werden können, 
weil sie zur Selbstbeginnung und Selbstbestimmung auffordert und verlangt, ein eigenes 
Ziel zu getzen und dem Leben geinen pergönlichen Inhalt zu geben. 
Auf dem angedeuteten philogophischen Hintergrund basiert die Pädagogik Vowinkels. 
Verschiedene vorherrschende Stellungnahmen werden in ihrer Einseitigkeit und Unhalt- 
barkeit charakterisiert und der kritischen Pädagogik das richtige Ziel gesetzt; nicht irgend- 
einem falschen Begriff des Kindes oll die Erziehungslehre ihre gesunde Grundlage opfern, 
gondern gie oll das „Werden des Kindes“ als Gegenstand der pädagogischen Untersuchung 
festhalten und kritisch betrachten. Erzieher jeglicher Art mögen das Buch legen und bedenken. 
Karlsruhe. Albert Schneider. 
Picht, Dr. Carl, Hypnose, Suggestion und Erziehung. Leipzig 1913, Verlag von 
Dr. Werner Klinkhardt. 72 S. geh. 2 Mk. 
Der Verfasger hat zich die Aufgabe gestellt, die Gedanken des franzögischen Philosopben 
Jean Marie Guyau, der Suggestion und Hypnose als Erziehungsmittel empfiehlt, zur Gel- 
tung zu bringen, weil zie in Deutschland wenig beachtet werden. Nach einem geschicht- 
lichen Rückblick auf die Hypnose und ihre Erforschung legt P. das Wegen der Hypnos8e 
dar und stimmt der auch von Forel vertretenen Angicht zu, daß sie kein krankhafter Zu- 
Stand und bei richtiger und geschickter Anwendung ungefährlich sei. Durch bypnotische 
Suggestion mögen auch auf dem Gebiete der Erziehung gute Erfolge erzielt worden ein, 
aber gegen ihre allgemeine Verwendung als Erziehungsmittel erheben zich doch atarke Be- 
denken, deren Gewicht P. durch geine Gegengründe nicht abgeschwächt hat. In besonderen 
Fällen mag sie anwendbar zein, aber für die öffentlichen Schulen muß eie abgelehnt werden. 
Denn keine Schulbehörde könnte eine Sicherheit für „richtige und geschickte Anwendung“ 
bieten und die Verantwortung dafür übernehmen. Außerdem widerspricht die Aufhebung 
der Freiheit in der Hypnose dem wesgentlichen Zweck aller Erziehung, welche auf die Cha- 
rakterbildung einwirken will.
	        

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