Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Literaturberichte. 467 
Westfalen. Cauer ist es gelungen, in geinen Grundanschauungen eine mittlere Linie zu finden 
zwiSchen dem Streben nach Fortschritt und der allen historisch denkenden Menschen eigenen 
Liebe am Bestehenden, zwischen einer kräftigen und gesunden Lust am Werden und einer 
unzerstörbaren Freude am Gewordenen. Eine Solehe Synthese ist ungemein Schwierig, und 
es gibt wenig Menschen, die gie 80 harmonisch vollziehen können wie Cauer, der zich in 
gleichem Maße frei von Rückständigkeit und kulturfeindlichem Beharrungsvermögen wie 
von himmelstürzendem Reformeifer und unklarer Phantasterei hält. Ist er auch ein be- 
geisterter Verehrer des alten humanistiechen Gymnagiums, 80 steht er doch den anderen 
Schularten durchaus sympathisch gegenüber und läßt ihnen ihr gutes, wohlerworbenes Recht. 
VUnablägsig etzt er sich für eine Vertiefung des Unterrichts ein und fordert eine Rücksicht- 
nahme auf die nur scheinbar entgegengesetzten Pole Wissenschaft und Leben. So hält 
er auch trotz oder vielleicht gerade wegen geiner Liebe zum humanistischen Bildungsideal 
am heutigen Gymnagialunterricht mancherlei für reformbedürftig und scheut sich vor 
offener Kritik selbst da nicht, wo es Sich um vielseitig Anerkanntes handelt. 
Im allgemeinen ist er der Überzeugung, daß der Fehler der heutigen Schule weniger zu 
große Härte als zu große Weichlichkeit ei, und daß ungseren Jungen eher zu wenig als zu viel 
zugemutet werde. „Das Ziel der Schule muß überall 80 gesteckt ein, daß es auch die Starken 
herausfordert, all ihr Können aufzubieten. So war es wohl einst; aber ist es noch 80 ? Hoffen 
wir denn, daß in ungerem höheren Schulwegen die Gesinnung erhalten bleibe, und wo es not- 
tut, wieder lebendig werde, die auch andere Werte als die des Marktes zu Schätzen versteht, die, 
ob es nun gilt, Einrichtungen zu schaffen oder Sie anzuwenden, vor allem an künftige Führer 
der Nation denkt und für ein verantwortungsvolles Tun nicht die Forderungen der Menge, 
nicht den Beifall der Menge maßgebend Sein läßt.“ (S. 234.) 
In dieger echt idealistischen Auffasgung ist gich Cauer wohl bewußt, daß es niemals auf 
eine gewisse, möglichst große Menge, auch nicht auf die Art des Bildungsstoffes ankommt, 
daß es vielmehr vornehmste Aufgabe auch der staatlichen Erzieher ist, Charaktere an treuer 
Arbeit zu bilden. „Hungrig und durstig nach Wisgenschaft sollen ungere Schüler zur Hoch- 
Schule gehen, nicht überladen mit vielerlei Stoff“ (S. 232). Daher sind denn auch die Er- 
folge einer guten Schule nie äußerlich sichtbar oder gar abwägbar: „Die Wirkungen, die 
ausgeübt und empfangen werden, gind nicht von der Art, daß gie von einem gschnell heran- 
tretenden Beobachter in Augenschein genommen werden könnten“ (S. 254) -- ein Wort, das 
man unsgeren radikalen Volksbeglückern ins Stammbuch schreiben 8ollte! Mit Recht warnt 
Cauer auf Grund dieser Erwägungen vor einer Überschätzung der Reformanstalten, deren Wert 
nach 80 kurzer Erprobung noch keineswegs erwiegen Sei. „Gewiß soll man Versguche machen 
mit neuen Gedanken; aber man müßte ihnen Zeit lassen, sich zu erproben in jahrelanger 
Wirkung und Nachwirkung. Statt dessen will man schnellgezeitigte Früchte ernten, um 
Sie Sogleich auf den Markt zu liefern, und solche treibt man mit Aufbietung aller Kräfte 
hervor. Dadurch bekommt die ganze Arbeit der Schule eine Richtung auf den äußeren 
Erfolg, die ungesund ist.“ 
Leider gestatten die einem Referat gesteckten Grenzen kein näheres Eingehen auf den 
wertvollen und reichhaltigen Inhalt des Buches. Bemerken möchte ich nur noch, daß es 
keineswegs nur pädagogische Beiträge enthält. Diese bilden nur ein Kapitel, begreiflicher- 
weise das umfangreichste, in den vier anderen Abschnitten werden „Denkart“, „Dichtkunst“, 
„Männer“ und „Lebensfragen“ behandelt, und der Historiker und der Germanist wird nicht 
geringere Schätze hier heben können als der Philologe, mithin jeder über Seine Lebensauf- 
gabe nachdenkende akademisch gebildete Lehrer schlechthin. Das Studium des Stattlichen 
Bandes ist ein kögtliches Studium für den, dem es nicht darauf ankommt, schon fertige, 
leicht und bequem anwendbare Regeln und Schlagwörter zu finden, nach denen jede Auf- 
gabe gelöst werden kann, gondern Keime zu Gedanken, Anregungen zum Weiterdenken 
und die Freudigkeit und den Wungeh, auch an geinem Teile mitzuhelfen an der Lögung 
vorhandener Zweifelsfragen.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.