Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

486 Berufswahl und Berufsberatung. 
 
für die ich bereits zeit einigen Jahren in Wort und Schrift?) eingetreten 
bin, Scheinen mir daher ein dringendes Bedürfnis. Ob diegelben nun an 
Wohlfahrts- und berufliche Vereinigungen, an Arbeitsnachweise oder 
an städtiseche Amtsstellen angegliedert oder als gelbständige Jugend- 
oder Berufsämter errichtet werden, ist zunächst ganz gleichgültig. Auch 
die Unterrichtsverwaltungen werden Sich auf die Dauer der Förderung 
der Berufsberatung nicht entziehen können.?) Die Übernahme einer 
Verantwortlichkeit geitens des Staates kann m. EK. ganz augsgegchaltet 
werden.?) wollte die Organisation der Berufsberatung durch den Staat 
bei der Stellungnahme des Unterrichtsministers noch auf Sich warten lasgen, 
80 dürfte eine Unterstützung durch die Ausschüsse für Jugendpflege doch 
zu erreichen sein. In Görlitz und Leipzig geschieht dies chon. Vor allem 
wäre es Sache des Staates, die Berufsberatungsstellen mit zuverläsgigem 
Material zu vergehen und für Ausbildung von Berufsberatern zu gsorgen. 
Dabin gehende, genauere Vorschläge werde ich demnächst der Öffentlich- 
keit unterbreiten. 
Die Vorsteher der Berufsämter bedürfen Sowohl einer volkswirtschaft- 
lichen Ausbildung als auch einer Solchen, die gie befähigt, die gesamte 
Literatur über Berufswahl und Berufsstatistik, über die mannigfachen 
Vorbedingungen für den Eintritt in einen Beruf und für das Aufsteigen in 
demselben, Sowie die über die Lage des Arbeitsmarktes in den Dienst der 
Berufsberatung zu stellen. Ferner müssen gie auf Grund pbhbilogophisch- 
PSYchologischer Kenntnisse imstande gsein, die Charaktereigenschaften, 
Neigung und Begabung der Jugendlichen zu erkennen und nach gorgfältiger 
Prüfung aller Verhältnisse dem Vater Vorschläge zu machen, während die 
Entscheidung ihm vollständig zu überlaggen ist. 
Neben dem Wohle des zu beratenden Individuums müssen natürlich auch 
die Interessen der Schulen, der Behörden und des Staates gewahrt bleiben. 
Es handelt gich bei der Berufsberatung eben um die Einordnung der 
Jugendlichen in einen Beruf je nach Eignung und Begabung unter dem 
Gegichtspunkt nutzbarster Verwertung im Dienste der Volksarbeit. Um 
diese Eignung nun festzustellen, ist es dringend geboten, eine Prüfung 
des Gesundheitszustandes durch einen tüchtigen Arzt vornehmen zu 
lasgen, damit nicht etwa nach beendigter Berufsausbildung ein Berufs- 
wechgsel notwendig wird. 
Ärztliche Untersuchungen vor der Berufswahl werden bereits von 
Stadt- bzw. Schulärzten unentgeltlich vorgenommen in den Städten: 
Bromberg, Charlottenburg, Cöln, Dügsgeldorf, Halle, Kiel, Siegen, Solingen. 
1) Zuerst im Märzheft 1911 von „„Technik und Wirtgcbaft“, dem Organ des Vereins 
Deutscher Ingenieure. 
2) Vergleiche die Rede des Abgeordneten Direktor Dr. Hintzmann im Landtage 
(Blätter für höheres Unterrichtswesen. Jahrgang 1912, Juliheft). 
3) Zeitgochrift für lateinloges höheres Schulwegsen 1911 (23. Jahrgang), Heft 3 u. 4.
	        

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