Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
496 Die staatsbürgerliche Erziehung und die höhere Schule, 
Schien ein Mittel gefunden, die Schule beim Kampfe gegen die oft er- 
örterte und beklagte politische Teilnahmlogigkeit unseres Volkes in An- 
Spruch zu nehmen. Durch die Politigierung der heranwachsenden 
Jugend hoffte man diesgem Übelstande abzuhelfen. Ein weiteres Ziel 
mußte aich jetzt von gelbst einstellen. Will man die Jugend zu politischer 
Aktivität heranbilden, 80 muß man --- das ist doch wohl eine notwendige 
Voraugssetzung -- eine Vorstellung von der Richtung haben, in der diege 
Betätigung erfolgen goll, und diese Betätigung war zunächgt als erhaltende 
und fördernde Mitarbeit an den Formen ungeres Gegenwartsgstaates g0- 
dacht. Naturgemäß stellte ich dann aber der Gedanke ein, diese Strö- 
mung gegen gewisse, unsere heutige Gegellschaftsordnung angreifende 
Lehren auszunutzen, um zu verhindern, daß der ins Leben tretende junge 
Mann etwa aus Mangel an Urteil eine leichte Beute politischer Sophismen 
werde, ein Gedankengang, dem offengichtlich als Prämisse die Vor- 
Stellung zugrunde lag, daß golche Belehrungen in der Tat ein wirksames 
Kampfmittel dargtellen. 
Daß das gicherlich bedeutende Ziel mit heller Begeisterung aufgenommen 
wurde, iSt verständlich; ebenso, daß gich taugend Hände regten, um den 
Weg dahin zu ebnen. Der Büchermarkt wurde überschwemmt mit An- 
leitungen, Einführungen und Legebüchern, in denen man Belehrungen 
aus den in Frage stehenden Gebieten in reicher Fülle finden konnte: 
hier standen Abschnitte aus den Reden berühmter Politiker und aus den 
Schriften bedeutender Staatsrechtslehrer; Gegetze aus den Gebieten des 
Staats- und privaten Rechts waren angeführt und erläutert: eine 80 
umfasgende Gelehrgamkeit war zusammengetragen, daß ein Unkundiger 
hätte meinen können, er habe es mit der Examengliteratur eines an- 
gehenden Juristen zu tun. 
Je tiefer man jedoch in das Problem hineinkam, um 80 lauter wurde 
das Aber, um 80 deutlicher wurden der Kritik die Grenzen einer MöÖSg- 
lichen Einwirkung; die Stimmen mehrten gich, die den Glauben, durch 
bloße Belehrungen auf die politigche Richtung der Jugend wirken zu 
können, nicht nur für eine Übergschätzung, gsondern für das 7rgoöro» 
weVdos des gangen Gedankengangs erklärten. 
In der Tat begegnet die Behauptung, daß wir von einer gelbständigen 
Belehrung nicht viel zu erwarten haben, keinem Widerspruch mehr. Das 
bloße Wiegen um das Funktionieren unserer Gegetzesmagchine, um Zölle, 
Steuern und ähnliche Dinge bringt uns dem erstrebten Ziel nicht näher. 
Solches Wiggen ist treffend durch das Urteil bewertet worden, daß auch 
jugendliche Vertreter Sozialdemokratischer Organisationen ein gar nicht 
unbeträchtliches Quantum davon aufzuweisen hätten. Bloße Kennt- 
nisse bedeuten nichts, und wenn irgendwo, 80 kann man hier yon grauer 
Theorie sprechen. Die Kräfte, gegen die die 8og. Politisierung wirken 
Soll, wurzeln in dem ruhelogen Leben der Gegenwart, in dem wachgenden
	        

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