Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
508 Über neuragthenische Schüler. 
man und ist Seine Schuld los!“ Oder ein anderes Beigspiel: Ich hatte ihm eine 
Gegchichte erzählt von einem Neger, der einen Farmer um Tabak bat und 
golchen bekam. In dem Tabak aber fand zich ein Taler. Der Neger-wußte nun 
nicht, g8ollte er das Geld behalten oder nicht. Ich wies auf die inneren 
Kämpfe hin, wie er überlegte und einmal zu dem Schlusse kam, er S8olle es 
behalten und vertrinken, dann aber wieder 8sich gagte, er mügsse das Geld 
zurückgeben. „Der Taler gehörte ihm, er brauchte ihn nicht zurückzugeben, 
da er ihn geschenkt bekommen hatte.“ Auch meine Entgegnung, daß er 
nicht Geld, Sondern Tabak erbeten habe, ließ ihn bei geiner Meinung 
beharren: „Es lag doch aber drin.“ 
S. war ungefähr dreiviertel Jahr bei mir mit dem Erfolge, daß er in die 
Obersekunda aufgenommen wurde und gein Examen nach einem halben 
Jahre glatt bestand. Heute steht er längst in einem Berufe, „der ihn gehr 
glücklich macht.“ -- . 
Diese drei Beispiele mögen genügen, um die Symptome der Überbürdung 
bei neurasthenischen Schülern klarzustellen. Jeder Fall zeigt eine bestimmte 
Reihenfolge der einzelnen Merkmale; nur in den feineren, mehr intellek- 
tuellen und ethisch-ästhetischen Ausfällen finden gsich starke Abweichungen. 
Das erste Symptom, mit dem fast jede Ermüdung eingetzt, ist eine 
gewisge motorische Unruhe, die eine Folge eines verminderten, unzureichen- 
den Schlafes ist. Die Störungen des Schlafes, die immer die Ursache gind, 
werden stets übergehen, oder man hält gie für belanglos. Auch Kann der 
Lehrer gie nicht gehen, weshalb wir hier als erstes Symptom die Unruhe 
festgtellen. Die Störungen des Schlafes Sind bedingt durch körperliche oder 
geelische Urgachen. Eine Verdauungsstörung, eine andere leichte Undis- 
poniertheit kann dem Kinde den Schlaf kürzen. Nun steht das Kind morgens 
mit einem Minus an psychischer Kraft auf; denn der Schlaf ist eine Zeit 
des Sammelns von Kräften bei verminderter Arbeitsleistung. Reicht nun 
der Schlaf nicht aus, 80 muß gich ein Minus einstellen. Mit diesem muß 
aber das Kind den Tag über arbeiten. Das Minus wird erhöht, es bilden 
Sich heute mehr Verbrennungsschlacken, als der Schlaf der nächsten Nacht 
wegspülen kann; mithin muß am zweiten Tage das psychische Minus 
noch größer werden. Diese Verbrennungsschlacken wirken aber als Gifte 
auf den Körper ein. Wir baben diegelben Erscheinungen, wie bei jeder 
andern Vergiftung: zunächst erhöhte Erregbarkeit, dann verminderte 
Erregbarkeit und verminderte Leistungsfähigkeit. Die erhöhte Erregbarkeit 
zeigt Sich gchon in den unnötigen Bewegungen. Das Kind ist unruhig, 
trippelt hin und ber, weiß nicht, was es will, hantiert mit den Händen in 
der Luft, zupft an den Haaren, dem Jacken- oder Schürzenzipfel, reibt die 
Hände, pflückt an den Nägeln usw. usw. Dieselbe Unruhe finden wir in 
der sprachlichen Sphäre: die Kinder gind laut, Schreien und Singen, sprechen 
viel, schnell und laut und überhasten Sich beim Sprechen. Auch die Schrift 
wird Schlechter, verliert die Größenverhältnisse und läßt die gerade Zeilen-
	        

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