Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
538 Es ist der Geist, der aich den Körper baut. 
wurde erschüttert; man räumte gründlich mit zahlreichen abergläubischen 
Vorstellungen und Vorurteilen auf; man forderte religiöge Toleranz, volle 
Denk- und Glaubensfreiheit, die Anerkennung der „allgemeinen Mensgchen- 
rechte“; die Idee des allgemeinen Staatsbürgertums drang giegreich durch; 
man verlangte die Befreiung des wirtschaftlichen Lebens von allen Hem- 
mungen, Aufhebung der Leibeigengschaft, gerechte Verteilung der Steuern. 
Es war zwar diese Bewegung von England ausgegangen. Friedrich 
der Große bezeichnet in der „Gegchichte meiner Zeit“ als die größte 
Eroberung, welche der Menschengeist in dem Jahrhundert 1640-1740 
gemacht habe, die neue Weltanschauung, die inEngland durch die Natur- 
forschung gewonnen worden sei und in der Naturreligion ihren Aus- 
druck gefunden habe: Newton schloß die physikalischen Geheimnisse 
des Weltalls auf, und Locke drang in die Nebelwelt der Metaphysik ein, 
entäußerte Sich aller Vorurteile und riß die Binde des Irrtums herunter. 
Gleichwohl wurde doch Frankreich das gelobte Land der Auf- 
klärung. Wie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vom Hofe 
Ludwigs XIV. aus die franzögsische Sprache und Literatur, franzögische 
Kunst und Mode, franzögischer Geschmack erobernd in die anderen 
Länder Europas eindrang: 80 wurden im 18. Jahrhundert die Worte 
Voltaires, Montesquieus, Rousseaus zum Evangelium für die zivilisierte 
Mengehbheit. Es gchien, als Sollte der romanische Geist den deutschen 
völlig in Fegsseln Schlagen. 
Aber wie verschieden ist dann doch der weitere Verlauf dieger geisti- 
gen Bewegung gewesen! wie entgegengesetzt die Wirkungen! wie weit ind 
die Wege augeinandergegangen! Gerade damals wurde der romanische 
Geist in Deutschland überwunden. Wie im 17. und 18. Jahrhundert der- 
Selbe Abgsolutismus in Frankreich durch die eingeitige, unnatürliche Über- 
Spannung zum Fluch geworden war, dagegen in Brandenburg-Preußen 
durch die weise Selbstbeschränkung der Hohenzollern zum Segen: 8o 
führte diesSelbe geistige Bewegung des 18. Jahrhunderts in Frankreich 
zum Umsturz, in Deutschland zu einer organischen Weiterentwicklung 
und Befreiung des deutschen Wegens. 
Hier ist zunächst auf den großen Unterschied zwischen der roma- 
nischen und germanischen Renaissance zu achten. Wiederholt 
hören wir in der Gegchichte des Mittelalters und der Neuzeit von einer 
»„RenaisSance“, d. h. Wiedergeburt der verlorenen höheren Kultur: unter 
Karl dem Großen um 800, unter Otto dem Großen im 10. Jahrhundert, 
begonders aber im 14., 15., 16. Jahrhundert. Es galt als Selbstverständlich, 
daß nur das griechisch-römische Altertum wahre Bildung und Kultur 
bringen könne; aber es lief doch meist auf eine Wiederbelebung der Kultur 
des römischen Univergalreichs hinaus, wie sie um Christi Geburt gewegen 
war. Den germanischen Völkern, besonders den Deutschen, blieb es vor- 
behalten, das Verständnis der klasgischen Zeit der alten Griechen wieder-
	        

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