Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
540 Es ist der Geist, der gich den Körper baut. 
Lessing hat die kritische Frage nach dem Ürsprung und der Ent- 
Stehungsart der biblischen Schriften auf die Tagesordnung gegetzt. Er 
leugnet den Gegengatz zwischen natürlicher und positiver Religion und 
verkündet eine entwicklungsgegchichtliche Weltanschauung: jede Offen- 
barungsreligion 8Sei in ihrer Art berechtigt; sie alle geien notwendige 
Erziehungs- und Entwicklungsstufen der Mengchheit. 
Goethe zeigt in geiner „Iphigenie“ die Versöhnung und Entsühnung 
des Sünders ohne irgendwelche kultisch-gesetzliche Handlung. “ 
Goethe, Herder, Schiller, Kant: gie alle beschäftigen sich aufs 
eingehendste mit den höchsten religiögen Problemen. Die Aufklärung 
wurde überwunden durch den deutschen Idealismus. Dem großen 
Philosophen Kant verdanken wir die geharfe Unterscheidung dessen, 
was wir Menschen erkennen können, und desgen, was uns ewig verhüllt 
bleibt: wenn auch für das Erkennen das Göttliche immer hypothetisch 
bleibt, Gott und Seele nicht Gegenstände eines Beweigeg Sind, 80 haben 
wir doch davon eine unmittelbare, die ganze weele erfüllende Gewißheit. 
Dieser Idealismus hat eine Erneuerung des Christentums gebracht. 
Vielleicht den größten Einfluß auf das deuntgche GeistegSleben hatten 
im 18. Jahrhundert Rousgeaus Werke; das gehen wir begonders bei 
unserem Schiller. Und doch hat dergelbe Schiller, der Rousgeaus Ruf 
„Rückkehr zur Natur!“ in gich aufnahm und gewisgermaßen zum Pro- 
gramm geines Lebens machte, den Rousgeau zugleich überwunden. Rousgeau 
verwarf die Kultur, weil er in ihr die Quelle alles Unheils gah. Schiller 
dagegen hat immer von neuem die Segnungen der Kultur gepriegen : 
aber gie darf Sich nicht von der Natur entfernen, muß uns vielmehr zur 
Natur zurückführen, damit wir „wollend“ tun, was wir in der Kindheit 
„willenlos“ taten: 
»„Suchst du das Höchste, das Beste ? die Pflanze kann es dich lehren. 
Was sie willenlos ist, Sei du es wollend! das ist's.“ 
Und 80 geschah es auf allen Gebieten. Der Absolutismus, die Zentrali- 
Sation, die Bevormundung des wirtschaftlichen Lebens, die Sozialen Unter- 
Schiede: alles war in Frankreich überspannt. Die politischen, kirchlichen, 
Sozialen, wirtschaftlichen Verhältnisge waren bier 80 ungesSund, 8o unnatür- 
lich, 80 unvernünftig geworden, daß man bei den Reformvorschlägen und 
bei den Reformen gelbst in das entgegengegsetzte Extrem verfiel. So führte 
denn die ganze Entwicklung zu dem traurigen Ergebnis, daß man an die 
Stelle der Unnatur, die man mit Recht bekämpfte, etwas Setzte, das 
ebenso unnatürlich war !). Schließlich gelangte man zu den entsetzlichen 
Orgien eines zügellogen Individualismus: der leidenschaftliche Haß führte 
zur Aufhebung des Adels, zur Begeitigung der zentralen Staatsgewalt, 
zur Hinrichtung des Königs, zur Verfolgung der christlichen Kirche, zur 
2?) So isb es in den romanischen Ländern Seitdem geblieben; daher der chronische 
Revolutionarismus, das Schwanken von einem Extrem ins andere. 

	        

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