Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
554 1813 Goethe, 1913 Hauptmann. 
„Athene Deutschland“ wird, die zur Einigkeit mahnt. Philistiades Spricht 
den Epilog. Unter Entfaltung eines riesigen szeniSchen Apparats führt 
Athene, den Eros preisend, die Volksschar in einen gotischen Dom. Die 
Vorhänge schließen Sich. Vor dem letzten tritt zu dem Direktor das 
„Püppchen“ Blücher, um dem „Friedensbimmelbammeln“ ein Ende zu 
machen. Gegen ihn wird der Degen gezückt: 
„Du wackrer Graukopti lieg an deinem Ort. 
Was leben bleiben Soll, das Sei dein Wort. 
Ich Schenk es Deutschland, brenn es in Sein Herz -- 
nicht deine Kriegslust, aber -- dein: Vorwärts!!“ 
Der alte Marschall, vom Stab des Direktors berührt, Sinkt entsgeelt 
nieder. Ende. 
Niemand wird behaupten, daß ein anderer als Hauptmann 80 dichten 
konnte. Alles paßt zu ihm: Das Abrücken von der historischen Tragödie, 
das Fehlen alles hohlen Hurrageschreis, das Entgegenkommen gegen das 
Ausland, das Streben nach ewigem Frieden, die Verknüpfung von Ro- 
mantik und Realismus, die Anlehnung an große literarische Muster (Faust, 
Epimenides, Shakespeares Volksszenen, Hans Sachs) und die Originalitäts- 
Sucht. wie Scheint überhaupt der Fallstrick für den Dichter geworden zu 
Sein. In bewußter Anlehnung an Goethe, der geinen „Epimenides“ über 
die Köpfe des Publikums weg gedichtet hatte, griff auch Hauptmann 
zur Feder und faßte den an Sich genialen Gedanken, die Freiheitskriege 
als Puppenspie] mit mengchlichen Akteuren zu Schreiben. Es blieb aber 
beim Angsatz. Gestalten wie die Pythia, die Kriegsfurie und die Athene 
Sind Konventionelles, pathetisches Festspieltheater, von den opernhaften 
Schlußgruppen gar nicht zu reden. Die Symbolik des romantigierenden 
Klassikers übergetzte der Moderne in Realistik. Und wenn der Verfagser 
-- damit Sollen die Formalien beendet Sein -- den Knittelvers anwandte, 
diese „urdeutsche“ metrische Ausdrucksform, wie man gesagt hat, 80 darf 
man nicht vergesgen, daß das, was für Hans Sachs richtig und natürlich 
war, in der Sprache des 20. Jahrhunderts manieriert erscheint. Danach 
iSt auch der Inhalt nicht angetan. | 
Von Hauptmann Stücke wie ,„, Die Hermannsschlacht“ oder gar „Die 
Quitzows“ zu verlangen, ist natürlich ein Unding. Jeder Künsgtler darf 
verlangen, nach Seinen Kunstprinzipien gerichtet zu werden, und Haupt- 
mann hatte ein Recht, die Volksbewegung von 1813 in ein Puppenspiel 
zu kleiden; dann mußte aber Charakter und Tun der Personen dem ange- 
Paßt Sein. Fichte und Hegel, der weltbewegende Napoleon, Stein, Blücher 
und Gneisenau, die Pythia und Athene haben darin keinen Platz, allen- 
falls noch das Kind Napoleon und auch der alte Fritz redivivus in der 
Magskerade. Es ist vor allem dichterische Lüge -- die Historie spielt 
dabei zunächst gar keine Rolle -- das deutsche Volk bis zur eigentlichen
	        

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