Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
558 Die anthropologischen Grundlagen der höheren Schule. 
den Bedingungen des Innenlebens. Was Sie z. B. in den Untersuchungen 
Otto Ammons über die Anthropologie der Badener geleistet hat, ist 
interesgant, aber nicht von aktueller und praktischer Wichtigkeit. Wir 
haben in erster Linie das zu untersguchen, was unser Verständnis für den 
Schüler als Gesamtpergon nutzbringend erhöht. Das Wichtigste davon ist 
2. die Soziale Herkunft des Schülers. Die höhere Schule erhebt 
den Anspruch, mehr als Bildung, als Kenntnisse zu vermitteln. Sie will 
ihren Zöglingen den Besgitz aller Kulturwerte des Volkes vermitteln, natür- 
lich nur in den Grundzügen. Es ist also für Sie eine Dageinsfrage ersten 
Ranges, daß sie kulturell vorbereitetes Material zur Verarbeitung erhält, 
denn unmöglich kann gie die Arbeit leisten, den Primitiven zum Vollkultur- 
menschen umzuformen, ihn durch alle Entwicklungsphagen hindurchzu- 
führen, welche die Kultur stufenweise und mühgam erwarb. Der Unter- 
Schied von „Bildung“ und „Kultur“ kann nicht Schroff genug formuliert 
werden, um der höheren Schule zu ihren letzten Zielen zu verhelfen. 
„Kenntnisse“ kann Jeder erwerben, der gutes Gedächtnis und normale 
Urteilskraft hat; Sie baften an der Oberfläche des Bewußtseins, Sie können 
durch ihre Wirkung auch den „gebildeten“ Primitiven kulturell heben, 
aber gie tun es nicht immer und nie mehr als gradweise. Aber Kultur 
wird vererbt, Sie entstammt der Vorfahrenreihe, ihrer höheren imneren 
Differenziertheit, die teilweise Schon im Keimplasma liegt, teilweise durch 
die unmerklich, aber unaufhörlich wirkende Gestaltungskraft der Um- 
gebung angezüchtet wird, Sie entstammt den Kulturmenschen, die das 
Kind umgeben, den Kulturdingen, die gein erstes Milieu, Seine tiefsten 
Jugendeindrücke formen. Die Bücherschränke des Vaters, der Kunstsinn 
der Mutter, die Bilder an den Wänden, die suggestive Gestaltungskraft 
eines verfeinerten Tones der Lebensführung, die gelbstverständliche 
Sicherheit, mit der alle Handlungen in der Richtung auf eine festgefügte, 
geordnete, überlieferungsreiche Lebensführung hinwirken, Sind Kultur und 
erzeugen Kultur. Sie stellen nur allzuoft heute den kulturellen Minder- 
gebildeten neben den gelehrten Parvenü; gie erlauben, daß heute gchon 
neben dem Proletariat der Ungebildeten und Halbgebildeten eines der 
Gebildeten besteht, jener, die ohne Kulturvoraussetzungen Kenntnisse 
erwarben und Examina machten. 
Wir haben uns also zu fragen, und mit dem Verantwortungsgefühl 
einer Sache tiefsten Wertes zu fragen: wie groß ist die Kulturschicht in 
der höheren Schule? Nach dieger Frage allein läßt Sich erkennen, was 
eine Schule zu leisten vermag. Denn der Sozial-Anthropologe lächelt über 
die glatt-äußerliche Unterscheidung von Schulen als humanistischen, 
realistischen oder Sonstigen. Für ihn sind die höheren Schulen einzuteilen 
in Solche, die Primitive und in Solche, die kulturell Vorbereitete höher- 
heben, -- die „Rohstoffe“ oder „Halbfabrikate“ verarbeiten. Die Leistung 
einer Schule an das Fach, das Unterrichts-,, Material“ anzuknüpfen, ist.
	        

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