Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Die freiere Gestaltung des Unterrichts in der Prima. 581 
Störung des Gefühls der Zusammengehörigkeit unter den Schülern und 
Überbebung des einen Teils über den andern ist keine notwendige Folge, 
da ja ein großer Teil des Unterrichts gemeinsam bleibt, neben einer Reihe 
von wiggenschaftlichen Fächern, den „ethischen“, Sämtliche technische, 
die, bis zu den von den Lehrplänen verlangten Leistungen getrieben, die 
notwendige Allgemeinbildung gewährleisten und daher nicht beschnitten 
werden dürfen. Ferner kann aich doch ein Schüler der etwa 2 Stunden 
Mathematik mehr hat als ein anderer, der dieses Mehr vielleicht im Grie- 
chischen aufbringt, unmöglich über diesen erhaben dünken. 
Auch dem befürchteten Übelstande, daß Schüler der Bequemlichkeit 
halber, oder um einem unbeliebten, strengen, anspruchsvollen Lehrer zu 
entgehen, eine Wahl treffen, wie es an den amerikanischen Schulen mit 
weitgehendster Wahlfreiheit nicht selten vorkommen Soll, läßt Sich durch 
die am Ratsgymnasium in Hannover getroffene Einrichtung begegnen, 
daß erst nach Ablauf einer halbjährigen Probezeit ein Schüler einem 
Sonderkurge zugewiesgen wird, und daß das Lehrerkollegium nur auf schrift- 
lichen Antrag der Eltern einem Schüler hier Entlastung und dort eine. 
Zulage gestattet und auch dann sich noch das Recht vorbehält, ein Gesuch 
abschlägig zu bescheiden. 
Wird auch gelegentlich einmal von der Freiheit ein falscher Gebrauch 
gemacht werden, 80 wird man nicht von der Gewährung der Freiheit 
abgehen, Sondern zur Freiheit erziehen *). 
Noch ein weiterer Einwand ist gemacht worden : Schüler, die in Sonder- 
kurgen über das lehrplanmäßige Ziel der Schule gefördert wurden, könnten 
auf der Univergität zunächst von einem Gefühl der Eitelkeit durchdrungen 
Sein, da Sie ja Schon „alles gehabt hätten“. Ich glaube, diesen Einwurf 
brauche ich nicht ernstlich zu widerlegen. Es hängt bier nur von dem 
pädagogischen Gegschick des Sonderkursusleiters ab, Übungen und Aufgaben 
30 einzurichten, daß eine Konkurrenz mit der Universität vermieden wird. 
Schließlich ist auch die neuerdings ausgesprochene Befürchtung, daß 
wir mit der Bewegungsfreiheit einen Schritt weiter kämen auf der Bahn 
zur Auglieferung der Unter- und Mittelstufe an die Mittelschullehrer, wohl 
grundlos. Denn mehr als früher wird die wissenschaftliche Grundlegung 
des Wisgens und Könnens Schon von Sexta an für den Primanerunterricht 
unbedingte Vorausgetzung Sein. Ist doch von der neuen Kinrichtung zu 
erhoffen, daß gie den Durchschnitt der wiegenschaftlichen Leistungen 
ungerer Primaner heben und die Angprüche an die geistige Reife steigern 
wird, daß die Erziehung zu früher Selbständigkeit und geistiger Unab- 
hängigkeit ich erfolgreich gestalten wird, 80daß man auf eine Darbietung 
des Lehrstoffes und Erziehung zu wisgenschaftlichem Denken schon von 
der Unterstufe an durch akademisch gebildete Lehrer weniger verzichten 
kann denn je. Denn „Wisgenschaft ist nicht Sammlung von Tatsachen, 
3) Vgl. hierüber begonders Lehmann, Neue Jahrbücher 1910, II. Abt., 26. Bd., 1. Heft,
	        

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