Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
584 Die freiere Gestaltung des Unterrichts in der Prima. 
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Aber auch dieges Verfahren, -- im Grunde eine Bewegungsfreiheit der 
Lehrer und des Direktors --- bleibt doch immer nur ein Notbehelf und 
kommt dem Ziele einer stärkeren Berücksichtigung der Individualität 
des einzelnen Schülers gar nicht entgegen. Grundsätzlich verschieden von 
den beiden genannten Möglichkeiten Sind die Verguche, die mit besonderer 
Gruppenbildung gemacht sind. Der Grundgedanke, von dem Sie ihren 
Ausgang nehmen, ist folgender: die Schule muß auf der Oberstufe mehr als 
bisher die begabten Schüler berücksichtigen ; diese begabten Schüler Sind 
aber nicht für alle Fächer gleichmäßig veranlagt, Sondern für die einen 
mehr als die andern. Infolgedessen wird man gie beim Eintritt in die Prima 
ihren individuellen Kräften und Bedürfnissen entsprechend in Gruppen 
einteilen und diese Gruppen in Selektakurgen, oder wie wir lieber mit 
Provinzialschulrat Prinzhorn g8agen wollen, Sonderkurgen Gelegenheit 
geben, ihren Neigungen entsprechend dies Fach, bezw. diese Fächer Stärker 
zu betreiben als jene, Sodaß jedes zu Seinem Rechte kommt. Die Schwierig- 
keiten, die Sich besonders bei der Verteilung der Schüler auf die einzelnen 
Sonderkurse ergeben?), Sind von vornherein nicht zu übergehen ; denn wenn 
Sich auch in der Theorie und auf dem Papier z. B. Sehr leicht eine Trennung 
vornehmen läßt zwiSchen den mehr sprachlich-historischen und den ma- 
thematisch-naturwissenschaftlich Veranlagten, in Wirklichkeit wird Sich 
die Scheidung nicht so reinlich vollziehen lassen. Zudem ist doch auch 
der Fall denkbar, daß ein Schüler eine große Neigung für die Naturwissen- 
Schaften aber eine ebenso starke Abneigung gegen die Mathematik hat; 
Soll er nun trotzdem wegen der Zweiteilung der Prima gezwungen Sein, in 
der Mathematik eine über den Zewöhnlichen Unterricht hinausgehende Un- 
terweisung zu erhalten ? Und dann weiter. Diejenigen Schüler, die nach 
gar keiner besonderen Richtung hin eine Begabung und Neigung zeigen, 
oder auch diejenigen, die in keinem der Fächer weniger als das Normale 
gewinnen möchten, zumal ihre Kraft zur Bewältigung der Aufgaben aller 
Fächer augreicht, müssen doch wohl den lehrplanmäßigen Gang weiter ver- 
folgen, und das würde ich als eine der Grundbedingungen jedes Versuches 
aufstellen, daß kein Schüler gezwungen würde, Sich einer Sondergruppe 
anzuschließen, weil diese Mitläufer unter dem Sonderunterricht mehr leiden 
würden, als jetzt die einSeitig Veranlagten unter dem gewöhnlichen Klassen- 
unterricht nach dem Normallehrplan. Von dieser Erwägung aus erscheint 
uns der von Direktor Gaede in Strasburg in Westpreußen gemachte Ver- 
Such, der darin gipfelt, daß gich die Primaner entweder für eine sprachlich- 
historische oder die mathematisch-naturwissenschatftliche Gruppe entschei- 
den Sollen, bedenklich, 80 Sehr man auch berücksichtigen mag, daß Normal- 
plan und Gruppenbildung die technischen und finanziellen Schwierigkeiten 
unverhältnismäßig erhöhen. Zudem droht hier der im Allerhöchsten Erlaß 
1) Auf gie macht begsgonders aufmerksam Koppin in der Monatschr. f. höh. Schulen 
1907, S. 134 ff.
	        

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