Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
 
 
Lehrergchaft und alkoholfreie Jugenderziehung, 611 
tatsächlich auch der neutrale Boden, auf dem zich alle Volksfreunde treffen 
können, Sie mögen persönlich zum Alkohol stehen, wie sie wollen?). 
Die Logung ist also ausgegeben. Nun kommt es darauf an, ihr zur prak- 
tischen Anerkennung zu verhelfen. Damit beginnen aber auch sofort die 
Schwierigkeiten. Denn wer goll die Durchführung der Reform übernehmen ? 
Das Elternhaus ? Als Haupterziehungsmacht ist es ja dazu in erster Linie 
berufen. Aber leider nicht auserwählt. Diese vielgestaltige, 8chwer faßbare 
Masse von Erziehungseinheiten, die wir unter dem Sammelnamen „Eltern- 
haus“ begreifen und die in ihren Grundsätzen oft weit auseinander streben, 
gehört Ja zumeist gelbst noch zu den Hütern der alkobolischen Bräuche, 
muß also bei diesem Erziehungswerk in geiner Gesgamtheit versagen. Selbst 
dort, wo höhere Bildung und größere Vertrautheit mit den Forderungen der 
Hygiene dem neuen Gebote der Wisgenschaft grundsätzlich entgegen- 
kommen, ist der Sinn für die große Bedeutung der Kongequenz in der 
Erziehung gelten so stark entwickelt, daß für die verhängnisvolle Pädagogik 
des Ausnahmeglases bei besonderen Gelegenheiten kein Platz mehr bliebe. 
Nein, vom Kiternhaus ist, wie die Dinge nun einmal liegen, noch für lange 
Zeit Keine erhebliche Unterstützung zu erwarten. Bleibt die zweite Er- 
ziehungsmacht, die Schule. Sie ist es, von der trotz aller auch hier vor- 
handenen Hemmnigse noch am ehesten etwas zu hoffen ist. wie bildet ein 
festgefügtes, auf wisgenschaftlicher Grundlage aufgebautes Ganze, sie ver- 
tritt keine Sonderinteressen, Sondern ausschließlich die der Allgemeinheit, 
und der ungleichartigen Individualpädagogik des Hauses stellt Sie als not- 
wendige Ergänzung eine den Gemeinginn fördernde Nivellierungspädagogik 
zur Seite. Gerade mit dieger, die 80 oft mit Steinen beworfen wird, die aber 
durch ihre Einheitlichkeit am besten die Übertragung wissenschaftlicher 
Erkenntnisse in die Praxis des Lebens verbürgt, kann gie das reformatorische 
Werk ganz wegentlich fördern. Wie gie die Möglichkeit hat, den Gedanken 
der kongequenten Alkoholfreiheit des Jugendalters durch verschiedene 
Kanäle in die Familien hinüberzuleiten, go kann gie in demselben Sinne 
auch auf die ihr anvertraute Jugend unmittelbar einwirken. Weniger aller- 
dings durch die Haupterziehungsmittel, deren Begitz dem Elternhause in 
der Erziehung stets das Übergewicht sichern wird, durch Gewöhnung, 
Übung und Beispiel; denn diege gind ihr nur in bescheidenem Umfange zu- 
gänglich. Um 80 mehr aber kann Sie gich auf ihrer unbestrittenen Domäne 
auswirken, auf dem Gebiete des Unterrichts. | 
Daß dieses Kann Sich in ein entschiedenes Soll umwandeln muß, wenn 
man der Alkoholnot mit Ausgsicht auf Dauererfolge zu Leibe gehen mill, 
das haben alle Kulturvölker eingegehen, die in den Kampf gegen den 
Alkobol eingetreten gind, und diese Kingicht hat in den Alkoholverordnungen 
1) Mitglieder des Vereins abstinenter Philologen haben über die Frage „Alkohol und Jugend“ 
Schon zahlreiche Schriften veröffentlicht. Das Verzeichnis ist von der Gegchäftsstelle des 
Vereins, Leipzig-Gohlis, Cöthner Straße 52, unentgeltlich zu bezieben. 
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