Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
612 Lehrerschaft und alkoholfreie Jugenderziehung,. 
der Schulbehörden einen mehr oder weniger entschiedenen Ausdruck 
gefunden. 
Über die Notwendigkeit einer alkoholgegnerischen Unterweisung der 
Jugend ist man sich freilich ebenso klar, wie unklar über die Form, in der 
Sie am besten gegeben wird. Die Bestimmungen gehen hier weit aus- 
einander. „Alle Schattierungen gind auf der langen Linie vertreten, an deren 
einem Ende die Empfehlung gelegentlicher Warnung vor Alkoholmißbrauch, 
an deren anderem die gesetzliche Anordnung eingehenden 8systematischen 
Unterrichts steht. Belgien schreibt z. B. chon geit 1892 in allen Klaggen 
einen wöchentlich halbstündigen Unterricht vor, in Schweden, N. orwegen, 
Finnland, in den meisten englischen Kolonien ist der Antialkoholunterricht 
obligatorisch. Rußland plant geine Einführung für alle Elementarschulen, 
Ungarn hat geit kurzem geinen jährlichen, vom Nimbus des Außergewöhn- 
lichen umstrahlten Alkoholtag, mit dem es Schon gute Erfahrungen gemacht 
haben oll. In Großbritannien treten zwar die behördlichen Maßnahmen 
weit hinter die großzügige Privattätigkeit zurück, die geit etwa einem 
Vierteljahrhundert eingegetzt hat, aber verschiedene Grafschaften haben 
auch besondere Stunden und besondere Lehrer für den Temperenzunterricht 
bestimmt, und in Schottland haben ihn viele kleinere und größere Schul- 
gemeinden in den Lehrplan der Schulen aufgenommen. Am weitesten gind 
bekanntlich die Vereinigten Staaten von Nordamerika gegangen. Dort gind 
dem von Vermont im Jahre 1882 gegebenen Beispiel dank der rastlogen 
Tätigkeit der hochverdienten Vertreterin des wisgenschaftlichen Tempe- 
renzunterrichts, der im Jahre 1906 verstorbenen Mrs. Mary Hunt, im 
Verlaufe von 20 Jahren Sämtliche übrigen Staaten gefolgt, 80 daß dagelbst 
heutzutage kein Kind, das eine öffentliche Schule besucht, ohne eingehende 
Belehrung über Wegen und Wirkung des Alkohols bleibt. 
In den meisten Ländern begnügt man gich zurzeit noch mit der An- 
ordnung gelegentlicher Unterweisung. So auch in Deutschland, wo nur 
wenige Bundesstaaten eine Art verbindlichen Unterrichts in ihren Schulen 
eingeführt haben. Hier ist Meiningen in dieger Beziehung allen andern 
weit voraus: Seit 1906 haben die obersten Volksschulklasgen (5.---8. Schul- 
Jahr) monatlich eine Stunde Antialkoholunterricht, und auch die oberen 
Klassen der höheren Schulen erhalten davon ihren Teil. 
Wo liegt nun das Heil? Im gelegentlichen oder im verbindlichen Sygte- 
matischen Unterricht ? In der Aufklärung der jüngeren Altersstufen oder 
der reiferen Jugend? Die Beantwortung dieger Fragen ist auch für die, 
vielleicht gerade für die nicht leicht, die Sich mit den in Betracht kommenden 
Verbhältnisgen gründlich vertraut gemacht haben. Denn überall starren 
Klippen. Temperament und Neigung des Beurteilers werden in der Regel 
die Entscheidung bestimmen. Umstritten ist namentlich die amerikanische 
Form des Unterrichts. Die einen bekreuzen gich vor ihm als vor einer Fegsel, 
die die Initiative des Lehrers einschnüre und das Interesge der Lehrenden
	        

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