Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
614 Lehrerschaft und alkoholfreie Jugenderziehung,. 
Dazu kommt, daß eine gelegentliche Belehrung, selbst wenn sie wirklich 
einwandfrei ist und Sich nicht nur in der lauen Vorführung einiger bekannter 
oder nebengsächlicher Tatsachen oder in ermüdenden Warnungen vor dem 
Übermaß erschöpft, niemals einen festgefügten organischen Bau herstellen, 
Sondern die ganze Frage gelbst im günstigen Falle nur stückweise, meist 
auch unvollständig und zusammenhanglos vorführen Kann, Sie also viel zu 
Sehr dem Zufall augliefert. | 
Man mag dagegen einwenden, daß es doch nicht 80wohl darauf ankomme, 
den Schülern ein vollständiges Bid der Frage mit all ihren Kinzelheiten 
zu zeichnen, Sondern darauf, in ihnen die Gesinnung zu erzeugen, die zur 
bewußten Alkoholgegnerschaft führt. Das ist zweifellos richtig. Aber es 
fragt Sich eben, ob dieses Ziel auf dem dornenvollen Wege nur gelegentlicher 
Belehrung, der noch dazu gelten genug betreten wird, nicht bei weitem 
Schwerer und viel unvollkommener erreicht wird als auf dem andern. 
Die Praxis tritt dieser theoretischen Erwägung auch in den Ländern nicht 
entgegen, wo Keine 8o günstigen Vorbedingungen gegeben gind wie in den 
Vereinigten Staaten. Es wird immer leichter sein, Jetzt wie in Zukunft, 
einige wenige Lehrer für einen verbindlichen Unterricht zu gewinnen als 
die Mehrheit für ausreichende gelegentliche Belehrungen. Und was auch 
einen großen Vorteil bedeutet: ein verbindlicher Unterricht, der auch wirk- 
lich gegeben wird, kann Sofort eingeführt werden, mag er Sich auch vorläufig 
auf die wenigen Schulen beschränken müssgen, wo sich die nötigen Voraus- 
Setzungen dafür bieten, d. h. wo ein oder mehrere Lehrer vorhanden gind, 
die ihn erteilen können und wollen, und wo die übrige Lehrerschaft 8ich 
mindegtens neutral verhält. Auch gonst wendet man ja ein Solches Über- 
gangsverfahren bei Reformversuchen anderer Art mit gutem Erfolge an. 
Dann werden die augerwählten Schulen Mittelpunkte von Wellenringen 
bilden, die immer größere Teile der bisher regungslogen Fläche mit ihrer 
Bewegung erfassen. Auf diesem Wege wird es zwar langsam, aber wenigstens 
Sicher und ohne Rückschläge vorwärts gehen. 
Hinter diese grundsätzliche Frage treten andere mehr organigatorische 
trotz ihrer unleugbar großen Wichtigkeit zurück. Ist einmal die Hauptfrage 
in einer dem verbindlichen Unterricht günstigen Sinne entschieden, dann 
regelt die Praxis das Wann, das Wie und das Wo allmählich ganz von gelbst. 
Man wird eingehen lernen, daß eine systematische Aufklärung nicht in ein 
Lebengalter verlegt werden darf, in dem mangelndes Verständnis die Be- 
handlung gerade der eindrucksvollsten Seiten der Frage verbietet, aber auch 
nicht zu spät (in den höheren Lehranstalten etwa gar erst in die oberen 
Klassen), weil dann Sitte, Gewohnheit und Neigung vereint ihre Opfer in 
nur zu oft unlöSbarer Umklammerung halten. Weiter, daß eine vertiefte 
Wiederholung des früher Gelehrten in einem späteren Lebensalter dann zur 
Notwendigkeit wird, wenn gelegentliche Belehrungen nicht unterstützend 
eingegriffen haben. Man wird wahrgscheinlich auch zu der Angicht kommen,
	        

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