Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Lehrerschaft und alkoholfreie Jugenderziehung. 619 
Verhältnismäßig einfach ist gie beim Nachwuchs der Lebrergschaft der 
Volksschulen. Denn dieser erhält geine Ausbildung in besonderen Fach- 
Schulen und zwar in einem Alter, das dem der Schüler der höheren Lehr- 
anstalten entspricht und gich geschickten Einwirkungsverguchen gegen- 
über gar nicht go gspröde verhält, wie man oft denkt. Die Verhältnisse 
liegen in den Seminaren noch günstiger als in den höheren Schulen. Das 
Internatsleben der Seminaristen vereinigt die Vorteile des Familienlebens 
mit denen der Schulerziehung und steigert durch eine bessere Verbindung 
der Erziehungsmittel, ihre richtige Benutzung vorausgesetzt, die AusSichten 
auf wirkliche Erfolge. Hier kann und muß mit einer alkoholfreien Er- 
ziehung Ernst gemacht werden. Verbannt werden muß grundsätzlich 
vom Mittags- oder Abendtisch das scheinbar harmlosge Glas Bier, das auf 
dem InternatsspeiSezettel leider noch zu oft eine nichtsnutzige Rolle spielt, 
verbannt werden muß von den gemeinsamen Ausflügen jedes narkotische 
Reizmittel, verbannt auch von allen außergewöhnlichen Veranstaltungen 
der Schule das festliche Glas Wein, jener psychologische Irrtum, der dem 
Alkohol bei der Jugend zum unverdienten Ruhmestitel eines unentbehr- 
lichen Freudespenders verhilft. Frei muß die Internatserziehung von jedem 
Genußgift sein. Und gollte dem Leiter der Anstalt noch nicht das Verständ- 
nis für diese Notwendigkeit gekommen Sein, dann würde ein behördlicher 
Abstrich in den Rechnungen in Gemeinschaft mit einem verständlichen 
Winke dem modernsten pädagogischen Grundsatz bald Anerkennung 
verschaffen. Unsere Zeit ist leider noch nicht reif für die Forderung, daß 
Männer in 80 verantwortlicher Stellung aus erzieherischen Gründen das 
Beispiel der Enthaltsamkeit geben, aber Sie muß es nachgerade bald werden 
für die bescheidenere, daß gie Sich mit einer wichtigen Sozialpädagogischen 
Frage gründlich vertraut machen. Es könnte nichts Schaden, wenn das 
Vorgehen eines preußischen Provinzialschulkollegiums Nachahmung fände, 
das bei einer Rektoratsprüfung eine Aufgabe aus dem Gebiete der Alkohol- 
frage gestellt hat. 
Hat 80 die Übung den Boden ihrerzeits gelockert, dann wird der Same 
der Aufklärung um 80 leichter Aufnahme finden. Die Lehbrerbildungs- 
anstalten haben wohl in der Regel in ihrem Lebrplan die Gegundbheitslehre 
als verbindliches Fach: in diesen Rahmen hinein gehört die intensive 
Behandlung der Alkoholfrage, die wie bei jedem zur Berufsausrüstung 
gehörigen Lehrstoff methodisch erfolgen 'muß, in der untersten Klasse 
mit der Phygiologie und Pathologie des Alkohols beginnend, in der obersten 
abschließend mit einer umfassenden Würdigung des ganzen Problems. Es 
Scheint chon Anstalten zu geben, die in diegem Sinne arbeiten. So mut- 
maßt man wenigstens, wenn man Berichte liest, wie die, daß in einem 
preußischen Lehrerseminar die erworbenen Kenntnisse in Lehrproben 
verwertet würden und jeder junge Lehrer, der vom Seminar ins Amt gehe, 
eingehend über die Bedeutung der Alkoholfrage orientiert Sei, und weiter,
	        

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