Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
622 Lehrerschaft und alkoholfreie Jugenderziehung. 
In manchen Ländern stehen ferner die Tore der Lehrerbildungsanstalten 
Sachkundigen Rednern offen, die nicht zum Lehrkörper der Schule gehören, 
und es ist nicht einzugehen, warum nicht auch ganze Kurse von ihnen 
geleitet werden können, wenn es im Kollegium an geeigneten Kräften 
mangelt. So läßt in Dänemark der Verein der abstinenten studierenden 
Jugend Vorträge vor den Seminaristen halten, in Großbritannien wenden 
die 17 Wanderredner des Hoffnungsbundes, wie dessen Sekretär Charles 
Wakely berichtet, besondere Aufmerksgamkeit den Training Schools 
(Lehrerseminaren) zu, in Norwegen sprechen gelegentlich Wanderredner 
des Internationalen Guttemplerordens und des Abstinenzverbandes der 
Studierenden Jugend in den Lehrerbildungsanstalten, und auch in deutschen 
Seminaren ist das Verfahren des Wanderunterrichts neuerdings wiederholt 
in Anwendung gebracht worden. So hat Dr. Burckhardt, der General- 
Sekretär des Deutschen Bundes der ey. kirchl. Blaukreuz-Verbände, mit 
Erlaubnis und Unterstützung der Oberschulbehörde in gämtlichen hessi- 
Schen Seminaren Vorträge gehalten, Dr. Wilker-Jena in allen württem- 
bergischen (auch im Lehrerinnenseminar) über „Die Bedeutung der Alkohol- 
frage für die künftigen Lehrer“. Rastlos tätig Sind auch der Verein ent- 
haltsamer Lehrer und der Verein enthaltsamer Lehrerinnen, die in den 
Lehrerbildungsanstalten Vorträge halten lasgen und ihre Zeitschriften Sowie 
andere antialkoholische Literatur zur Verfügung stellen. Vereinzelte Vor- 
träge dürfen zwar nicht allzu hoch bewertet werden, aber in Verbindung 
mit andern entsprechenden Maßnahmen leisten doch auch gie gute Dienste. 
Viel zu wenig Beachtung, sogar Widerstand findet die Schon öfters ge- 
gebene Anregung, auch in den Seminaren die Bildung von Vereinen 
abstinenter Schüler zu begünstigen. Alle Bedenken, die gegen diese 
Vereine im allgemeinen geltend gemacht werden, erhalten hier, wo es Sich 
um das enge Gemeinschaftsleben des Internats handelt, in den Augen vieler 
Schulmänner eine erhöhte Bedeutung. Aber man betrachte diese Vereine 
nur einmal von demselben Gesichtspunkt aus, von dem aus man anderen 
Vereinigungen gleichartig Interessierter Dageinsberechtigung zuerkennt, 
und mache Sich klar, was ihre Mitglieder mit ihrem Streben nach vertieiten 
Kenntnisgen auf diesem Gebiete für die Zukunft bedeuten. Bie Sind es Ja, 
die den Bedarf an wirklich berufenen Abstinenzpädagogen in den Volks- 
Schulen hauptsgsächlich decken könnten. 
Noch Ssei ein begsonderes Wort den zukünftigen Lehrerinnen gewidmet. 
Es gollte nicht nötig gein, denn für ihre Ausbildung gilt im großen und 
ganzen dasselbe, was von der ihrer männlichen Berufsgenossen gesagt 
worden ist. Nur daß, wo hier Schwierigkeiten sich türmen, der Weg dort 
in gutgangbares Gelände verläuft. Denn das ist doch Sicher: dem belehrenden 
Worte eines einzigen Lehrers oder einer einzigen Lehrerin, denen die Zu- 
neigung ihrer Schülerinnen gehört, mügssgen auch festgewurzelte Gewohn- 
heiten bald erliegen. Ein Leichtes wäre es also, hier ein begeistertes Elite-
	        

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