Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Lobrergchaft und alkoholfreies Jugenderziehung. 623 
korps für den Kampf gegen den jugendlichen Alkoholismus zu Schaffen. 
Aber man frage nur einmal nach, wie viele von den Tausenden deutscher 
Lehrerinnen (nur von diesen kann ich Sprechen) am Befreiungswerke tätigen 
Anteil nehmen! Die Zahl ist erschreckend gering. Man hält es einfach für 
unnötig, 8le zu Kämpferinnen heranzubilden, weil Ihnen persönlich die 
Gefahr nicht unwittelbar drobt. Aber man Sollte doch in der Zeit der 
Frauenbewegung endlich aufhören, die Bedeutung der Alkoholfrage für die 
Frau oder besger der Frau für die LöSung der Alkoholfrage zu unterschätzen. 
Amerika hat zur Genüge gezeigt, welchen Wert die Mithilfe der Frau in 
einer wichtigen Kulturbewegung besitzt. 
Weit Schwerer als an den Nachwuchs der Volksschullehrerschaft ist an die 
zukünftigen Lehrer der höheren Schulen beranzukommen. Diese be- 
ginnen ihre Berufsausbildung in einer Zeit, in der die Volksschulkandidaten 
mit der ihren zu Ende gind, und Sind gie, wie das jetzt noch die Regel ist, 
von dem Probleme ganz oder beinahe unberührt durch ihre Schule hindurch- 
gegangen und 80 In die Ungebundenheit des akademischen Lebens ein- 
getreten, dann Sind auch ernstere Naturen, die aich nicht in den Strudel 
alkobolischer Lockungen bineinziehen lassen, für die Beschäftigung mit 
einer außerhalb ihres Interesgenkreises oder günstigenfalls auf seiner Per1- 
pherie liegenden Frage zunächst meist verloren, wenn nicht der Zufall Seine 
erzieherische Macht an ihnen erprobt. Es ist bekannt, daß gelbst wissen- 
Schaftliche Vereine, die der Hohblheit Studentischen Epikuräertums nichts 
weniger als geneigt Sind, von einem Aufgeben der herkömmlichen Alkobhol- 
gegelligkeit nichts wissen wollen, 80gar bei besonderen Gelegenheiten 80nst 
vergchmähten Bräuchen Einlaß bei sich gewähren. 50 1st es wenigstens 
;n Deutschland. In andern Ländern gind die akademischen witten ZWAar 
anders, aber doch wohl Selten genug auf eine entschiedene Alkoholgegner- 
Schaft eingestellt. 
So Steht man denn auch dieser Sachlage ziemlich resigniert gegenüber und 
berläßt es meist Zufallgeinflüssen, an ihrer Abänderung zu arbeiten. Und 
doch ließe gich auch dieser Zustand überwinden, wenn man Sich allgemein 
dazu entschlösse, die Hygiene als notwendigen Bestandteil der Vorbildung 
auch der akademisch gebildeten Lehrer anzuerkennen, wie auf Martin 
Hartmanns Antrag Schon 1906 der Eisenacher Oberlehrertag getan hat, 
und gie wenigstens in den Kreis der verbindlichen Vorlesungen aufzunehmen, 
vielleicht auch als Sogenanntes Kulturfach in den Kanon der Prüfungs- 
gegenstände. Einige Länder gind in dieger Richtung bereits vorgegangen. 
Ögterreich z. B. schreibt Seit 1907 den Kandidaten des Lehramts an Mittel- 
Schulen den Beguch einer hygienischen Vorlesung vor und zieht Sie zu einem 
Kolloquium in diesem Fache heran, ;n Finnland ist Seit 1911 die Alkobol- 
frage in den Lehrplan der künftigen Gymnasiallehrer (und -Lehrerinnen!) 
aufgenommen, und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika wird von 
jedem künftigen Lehrer an höheren Schulen der Beguch eines von Physio-
	        

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