Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
624 Lehrerschaft und alkoholfreies Jugenderziehung. 
 
logen gelegenen Kollegs über Hygiene mit besonderer Berücksichtigung der 
Alkoholfrage verlangt. Zu ähnlichem Vorgehen wird es voraussgichtlich nach 
und nach auch in anderen Ländern kommen müggen, wenn erst der Mangel 
an entsprechenden Vorlesungen behoben ist. Denn nur an wenigen Univer- 
Sitäten hat Sich die Alkoholfrage 80 Heimatrecht erworben, wie an denen 
Schwedens und der Vereinigten Staaten. In Deutschland gind z. B., wie 
Dr. Hegch1l in Graz 1911 auf dem 2. Ögsterreichischen Alkoholgegnertag 
berichtete, von 1908-1911, also in 6 Semegtern, an 20 Univergitäten im 
ganzen nur 17 Vorlesungen über die Alkobolfrage gehalten worden. 
Eine gewisse Begrenzung findet das wisgenschaftliche Nomadentum der 
Studenten durch die an manchen Univergitäten bestehenden praktisch- 
pädagogischen Seminare. Hier bieten gsich bei den engen persönlichen 
Beziehungen zwischen Studierenden und Dozenten für diegen gute Ge- 
legenheiten zu alkoholgegnerischen Belehrungen, durch die er gar manches 
erreichen kann, wenn er nur will. Freilich kreuzt wieder den Weg 
das hemmende Wenn. Und Seminarleiter von der Art Martin Hart- 
Manns, der Seinen Hörern das antialkoholische Wisgen in den ver- 
Schiedenartigsten Verpackungen und Dogen zuführt, sind bedauerlicher- 
weise nur Selten. 
Jengeits der Schranken der Staatsprüfung unterstehen die angehenden 
Lehrer zunächst der unmittelbaren Aufsicht eines erprobten Schulleiters. 
Wieder gilt hier das eben Gegagte, nur wegen der größeren Gebundenheit 
der Kandidaten in verstärktem Maße. Was für Erfolge könnte ein Direktor 
erzielen, wenn er Sie zum Beguche etwaiger alkoholgegnerischer Kursge an 
Seiner wchule anregte, wenn er Referate über ein dem Gebiete der Alkohol- 
frage entnommenes Thema erstatten ließe und dadurch die Anregung zum 
Studium der alkoholgegnerischen Literatur gäbe, oder wenn auf geine Ver- 
anlassung Sachkundige den pädagogischen Neulingen begsonders die er- 
zieherische Seite der Frage näher brächten, wie das Martin Hartmann 
wiederholt bei den Mitgliedern der drei Leipziger pädagogischen Seminare 
getan hat und wie es vom Sächgsischen Kultusministerium in einer Verord- 
nung vom 29. August 1912 empfohlen worden ist. Kandidaten, denen auf 
Solche Weise das Gewissen geschärft worden wäre, könnten, 80weit gie es 
ernst mit ihrer Pflicht nähmen, unmöglich in die feindselige Stimmung 
mancher älterer Amtsgenossen hineinwachsen, und jede neue Generation 
würde mit steigender Schnelligkeit die Gesamtheit nach dem vorher gekenn- 
zeichneten Ziele hindrängen. 
Nur von unten herauf kann gich der Erneuerungsprozeß vollziehen, in 
den Volksschulen wie in den höheren, die ältere Generation von heute 
wird in ihrer Mehrheit davon ausgeschlogssen bleiben. Zwar wird mancherlei 
angeraten, um auch 8ie zu gewinnen: das Schon erwähnte Anschaffen und 
Auslegen von Antialkoholliteratur, Einladungen zum Beguche von Wander- 
ausstellungen, von wissenschaftlichen Kursgen zum Studium der Alkohol-
	        

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