Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
628 Vom Klaggizismus zur Romantik. 
Völker; aber einmal hat es doch ein Volk gegeben, das der Verwirklichung 
der Idee ganz nahe gekommen ist, das zwar auch nicht die ganze Mensch- 
heitskultur, aber doch einen gehr wegentlichen und jedenfalls Sehr ausge- 
zeichneten Teil von ihr reprägentiert: es ist das Volk der alten Griechen. 
Zu wahrer Mensgchheitsbildung wird man also am besten gelangen durch 
den Verkehr mit den Griechen, diegen „Altvätern der menschlichen Gelistes- 
bildung, diesen ewigen Mustern des richtigen, guten und geübten Ge- 
Schmacks“; nach ihnen müssen wir unsere Vernunft und Sprache bilden. 
Wer das getan hat, dem ist „der Sinn der Humanität, d. i. der echten 
Menschenvernunft, der reinen menschlichen Empfindung aufgeschlossen, 
und 80 lernt er Richtigkeit und Wahrbeit, Genauigkeit und innere Güte 
über alles Schätzen und lieben ; kurz, er wird ein gebildeter Mensch Sein“. 
Von diesem Gegichtspunkte aus wurde die Philologie zu einer wirklichen 
Wisgenschaft vom Leben des klassischen Altertums gestaltet, Sstellte 
Winckelmann die antike Kunst als unerreichtes Muster hin, reorganiszierte 
Wilhelm von Humboldt das höhere Schulwesen. Noch mit dem ganzen 
Enthusiasmus des pädagogischen Jahrhunderts ging man daran, die neuen 
Ideen und Ideale der Jugend zu übermitteln. Die Universität Berlin 
wurde gegründet als die erste ganz moderne Univergität, als ein Hort 
freiester wisSenschaftlicher Forschung, und aus der großen Zahl der alten 
Lateinschulen wurden die neuen Gymnasien herausgehoben als Stätten 
der Mengchheitserziehung. In den heiligen Hallen des Gymnagiums allein 
kam der junge Mensch zu den Quellen des Lebens, hier allein entschleierte 
Sich ihm die Isis. Und an der hohen Wertschätzung des GymnasgSiums 
nahmen Sseine Lehrer teil. Der Gymnasiallehrer alten Stils fühlte Sich und 
wurde bis weit in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein auch vom Publi- 
kum angesehen als ein Wächter am Heiligtum, ein Priester im Tempel 
der Humanität. Aus Seiner Hand allein konnte man das Kleinod wahren 
Lebens empfangen, allein unter Seiner Führung erreichte man das Ziel 
wahrer Mengchheitskultur. 
An der grundsätzlichen Auffasgung dieser Verhältnisse ändert es nichts, 
daß die Gymnagiallehrer und auch das Gymnasium Sgelbst diesem Ideal- 
bilde nicht immer entsprochen haben; daß namentlich die „formale Bil- 
dung“ immer eingeitiger und abstrakter als lediglich intellektuell-logische 
Schulung gefaßt wurde, während Humboldt darunter ein wirkliches 
Formen des Geistes verstanden hatte, eine durch das Griechentum ermög- 
lichte Ausbildung aller Kräfte des Jugendlichen Ich, auch der ethischen 
und ästhetischen. 
Näher liegt ein anderer Einwand: den Weg durch das Gymnasgium geht 
nur ein geringer Teil der Mengchheit, die Erziehung zur Humanität durch 
das Griechentum kann also nur wenigen zugute kommen. Werxr führt die 
große Masse der nicht fürs Gymnasium Auserwählten zur Humanität ? 
Darum stellt neben das Gymnasium Humboldts Pestalozzi Seine Volks-
	        

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