Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
630 Vom Klaggiziemus zur Romantik. 
So wundern wir uns auch nicht, wenn der eigentliche Theologe des 
Klassizismus, der evangelische Prediger Herder, den Mut findet, zu 8agen: 
Religion ist zwar eine Offenbarung Gottes, aber keineswegs die einzige. Wohl 
Spricht Gott zu dir durch den Mund des Paulus und des Moge, aber er 
Spricht zu dir auch aus der Ilias des Homer und dem Zeus des Phidias. 
Überall, wo etwas Erhabenes und Großes, etwas Edles und Schönes dir 
entgegen tritt, da ist Religion ; da ist Gott. --- = 
Diege wundervoll geschlossene, ganz einheitliche, großartige Weltan- 
ßchauung des Klasgiziemus war zu ideal, als daß gie den rauhen Stürmen 
der Wirklichkeit hätte dauernd standhalten können. Eine eiserne Faust 
griff zu und holte die Menschen aus den Wolkenhöhen des Olymp wieder 
herunter auf die Erde. Aber diese Erde erwies gich als die Heimatgerde, 
und von diesem Boden des Vaterlandes aus lernte man wieder aufblicken 
zum Himmel des Christentums: die Menschen werden deutsch und werden 
fromm. An die Stelle des Klasgizismus tritt die Romantik. 
Wenn Klassiziumus und Romantik hier in 80 Sscharfen Gegengatz 
gestellt werden, 80 ist ja gelbstverständlich der wirkliche historische 
Verlauf ein anderer gewesen. Alte Weltanschauungen werden nicht plötzlich 
von neuen abgelöst. Vielmehr spinnen gich Fäden hinüber und herüber, 
Reaktionen bleiben nicht aus; zähes Fegthalten am Alten tritt unmittelbar 
neben ungestümes Vorwärtsdrängen des Neuen. Aber für die rückblickende 
geschichtliche Betrachtung ist es doch immer zweckmäßig, die charakteristi- 
Schen Merkmale eines ganzen Zeitalters Scharf herauszuheben und Präzise 
zu formulieren. 
So müggen wir zunächst gleich darauf hinweisen, daß die Romantik an 
Sich durchaus 80 kosmopolitisch ist wie der Klaggiziumus. Die „Welt- 
literatur“ z. B. blieb kein bloßer Begriff, gondern wurde praktisch verwirk- 
licht durch die Übersetzung Shakespeares und der romanischen Dichter, 
vor allem Calderons; Friedrich Schlegel steckte Sich gogar das Ziel, 
durch Indiens uralte Weigheit Griechentum und Christentum miteinander 
zu versöhnen. Univergalistisch iet auch zunächst die Erneuerung der 
Religion durch Schleiermacher. In geinen Reden über die Religion löst 
er die Religion nicht bloß vom Wisgen, wie Kant es Schon getan, Sondern 
auch vom Handeln: die Gedanken der Mengchen über metaphysische Pro- 
bleme haben ebensowenig etwas mit Religion zu tun wie die Sittlichkeit 
oder Unsittlichkeit ihrer Handlungen. Religion ist eine Sache weder des 
Verstandes noch des Charakters, Sondern des Gefühls; gie ist das Gefühl 
des endlichen Mengchen, abhängig zu gein von dem Unendlichen. Daraus 
ergibt eich die univergalistische Folgerung, daß natürlich jede Religion 
eine wahre Religion gein kann, gofern gie nur ihren Anhängern dieses Gefühl, 
das ihr Wegen ausmacht, vermittelt. 
Univergalistisch ist endlich überhaupt das ganze Lebensideal der Roman- 
tiker. Das volle Menschentum wird auch erstrebt, nur anders gefaßt: ein 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.