Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
 
632 Vom Klasgizismus zur Romantik. 
Diese Begeisterung für das Mittelalter mußte selbstverständlich auch 
der Religion des Mittelalters gelten, dem Katholizismus. Die Führer der 
Bewegung waren teils von Geburt Katholiken, teils traten Sie zum Katho- 
liziemus über oder standen Seinem Glauben wenigstens Sehr nahe. Sie 
alle träumten von einem Kampfe für die heilige Kirche, in deren Gottes- 
häusern Weihrauchdüfte gie umnebelten und andächtige Gesänge zum 
Himmel emporstiegen. 
Dieges katholisierende Element wurde je länger je Stärker in der Romäntik. 
Man guchte in Rom nicht mehr, wie einst QGoethe, die Antike und die 
Renaissance, Sondern das Papsttum und das Mittelalter ; hier bildete Sich 
die Malerschule der Nazarener, die der Kunst ausgesprochenermaßen das 
Ziel steckten, den Glauben zu stärken und zu wecken. In München ver- 
guchten Schelling und Görres eine Rechtfertigung des katholischen 
Glaubens durch Philogophie und Gegschichte: Scholastik und Mygstik 
verbanden Sich. 
In das Mittelalter und in den Katholizismus führte die Romantik nun 
freilich vor allen Dingen etwas, was sie in der Antike und im Protegstan- 
tismus vermißten: das Geheimnis. Mit dem hohen Respekt vor der Ge- 
Schichte, der die Romantiker auszeichnete, verbanden sie eine tiefe Achtung 
vor dem Unerforschlichen und Unbegreiflichen, das gich jeder verstandes- 
mäßigen wisgenschaftlichen Erforschung verschließt und nur dem Glauben 
und der küngtlerischen Intuition zugänglich ist. Alles das fand man in 
dem Kkatholischen Mittelalter, alles das vermißte man im „Sächsgisch- 
weimarischen Heidentum“: nur im Katholizismus ist doch wirklich noch 
das Wunder des Glaubens liebstes Kind, nur im Mittelalter glaubt man 
noch ans Märchen. Die Antike ist zu klar und zu fertig; das Mittelalter 
iSt ein werdendes Zeitalter, Sich entwickelnd und wandelnd, wie die Roman- 
tik gelbst, die deswegen auch keinegwegs ein 8o einheitlich geschlogsenes 
Bild bietet wie die Weltanschauung des Klassizismus. 
Diese Zwiespältigkeit des inneren Lebens aber liebte man geradezu aus 
einer Art Regignation heraus: da die volle Harmonie der Pergönlichkeit, 
die man anfangs erstrebte, doch ein unerreichbares Ideal blieb, 80 Suchte 
man Ergatz in einem ,„widerspruchsvollen, von Gegengatz zu Gegensatz 
eilenden Leben.“ 
Dieser Subjektiviemus der Romantiker führte nun auf ästhetischem 
Gebiete zu der Sogenannten Ironie, d. h. der Forderung an den Dichter, 
völlig außerhalb geines Stoffes zu bleiben, mit ihm zu gspielen, ibn bald 80, 
bald 80 zu wenden: eine Methode, die zu völliger AuflöSung aller küngt- 
lerisSchen Formen führen mußte. Auf ethischem Gebiete war die Folge 
dieses Subjektivismus eine kühne Hinwegsetzung über alle Schranken der 
ditte und 80gar der Sittlichkeit: irgendwelche bindenden Normen wurden 
auch auf diesem Gebiete von den Romantikern nicht anerkannt. Übrigens 
ein interessantes Gegenstück zu der engen Verbindung von Ethik und
	        

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