Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
 
Vom Klagsiziemus zur Romantik. 633 
Ägthetik, die einst Schiller gefunden hatte: bei Schiller Schönheit und Frei- 
heit verbunden in der Harmonie einer gich gelbst zügelnden Persönlichkeit, 
bei den Romantikern Loslögung von jeder Gebundenheit in Kunst und Leben, 
Es war kein Wunder, daß Schiller und die Romantiker Sich nicht verstanden. 
Wenn aus diegem Schrankenlogen Subjektivismus die Romantiker gich 
in die festeste Autorität, die katholische Kirche, flüchteten, 80 ist das 
PSYchologisch gebr interessant. Aber diese katholiSierenden Bestrebungen 
waren nicht etwa bloß zu Hause in dem engeren Kreise der 8ogenannten 
romantischen Schule, Sondern zie wurden von den meisten Zeitgenossen 
geteilt. Nur 80 erklärt Sich der glänzende Wiederaufstieg der katholischen 
Kirche nach dem Wiener Kongreß, einer Kirche, die das 18. Jahrhundert 
Schon achgselzuckend für überlebt erklärt hatte; jetzt wurde der Kirchen- 
Staat wiederbergestellt, der Jeguitenorden erneuert, und der preußische 
Staat wich im Kampfe mit geinen eigenen katholischen Bischöfen Schritt 
für Schritt zurück. 
Von dieser kirchlichen Regstauration zog auch der Protegtantismus 
Seinen Nutzen. Schleiermachers Gefühlsreligion war erledigt, wohl auch 
für ihren Urbeber erledigt. Schon die Freiheitskämpfer brauchten eine 
handgreiflichere Form der Religion, als die sublime Religion Schleier- 
machers, die doch nur für feine Geister war, ihnen geben konnte. Und 
S0 griff man zurück auf das alte Luthertum: der Gott des Alten Testa- 
ments, der persönliche Gott Luthers geleitete die Freiheitskämpfer ins 
Feld. Und mit einer ganz naiven und sachlich unberechtigten Verbindung 
von Christentum und Kriegsbegeisterung 8ang man mit Förster: 
„So komm, du treue Kugel, 
Wir langen dich hervor 
Und genken mit frommem Gebete 
Dich in das Feuerrohr.“ 
Religiös gefärbt war auch die neuere Geschichtsschreibung, der ihr 
Begründer Ranke das bescheidene schöne Ziel setzte, „zu erzählen, wie 
es eigentlich gewesen 8ei“, während er docb gleichzeitig die Auffasgung 
vertrat, daß Geschichte Entwickelung der Gedanken Gottes sei, die gich 
offenbaren in den Völkern und ihren Helden. 
Vor allem aber reorganisierte gich die Ilutherische Kirche gelbst wieder. 
Ganz im Sinne der Romantik guchte g8ie nach einer festen autoritativen 
Grundlage und fand gie in der Orthodoxie des 17. Jahrhunderts. Aus 
dieger schuf die Kirche in Verbindung mit dem praktischen Christentum 
des Pietismus eine Neuorthodoxie, und begründete diese in schwierigem 
Kampfe und nicht ohne Fanatismus durch Männer wie Hengstenberg, 
Vilmar und Kliefoth 8o fest, daß diese Neuorthodoxie bis auf den 
heutigen Tag der Glaube der offiziellen Kirche geblieben ist. Endlich 
nutzte auch der Staat diese romantisch-reaktionäre Stimmung der Zeit, um 
der nationalistisechen Bewegung, die eine Einigung Deutschlands erstrebte,
	        

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