Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Homer in der Neuzeit, 637 
Siert, und für die Streitfragen, die Sich um den modernen Romanzo ent- 
Spannen. Wir wollen nicht den einzelnen Phagen dieser im ganzen doch 
recht unfruchtbaren Erörterungen folgen, denen gegenüber das Wort 
Giordano Brunos von der Freiheit des Genius ungehört verbhallte, 
Sondern nur das vom Verfasger aus einer großen Anzahl von Tatsachen 
hergeleitete Endregultat betrachten: wenn man Homer an Vergil maß, 
30 ergchien dieger, der als Lateiner den Italienern ohnehin näher stand, 
den Aristotelikern wegen geiner angeblich größeren Würde und strafferen 
Komposgitionskunst mehr noch als Sein von Aristoteles gerühmtes Vorbild 
recht eigentlich als der antike Normalepiker; und wenn man -- wieder 
mit den von Aristoteles erborgten Gründen -- gegenüber der gesamten 
antiken Epik den modernen Romanzo verglich oder Ariost gegen Tass80 
abwog, 80 war auch diese Vergleichung, wie insbesondere der Streit um 
die Dichtung Tassos gezeigt hat, der Schätzung Homers nur schädlich. 
Im Zeitalter der Gegenreformation und des Barock vollends, in dem man 
gegen das ganze Griechentum unduldsamer wurde, wurde Homer wohl 
im Gezänk der Gelehrten genannt und auch von einigen Dichtern noch 
benutzt, aber er lebte nicht mehr im Bewußtsein der großen Mehrheit 
der Gebildeten. Erst der risorgimento der griechischen Studien brachte 
ihn im 18. Jahrhundert wieder zu Ehren: jetzt hören wir wieder von 
Übersetzungen in nationalen Vers- und Strophenformen, wir lernen 
Kritiker kennen, die gich liebevoll und mit gselbständiger Auffassung 
in Homer versgenken und dem 19. Jahrhundert eine Reihe wichtiger 
Anschauungen vorwegnehmen. Wenigen dürfte Gravina bekannt sein, 
der Homer und Vergil als die Schilderer der Sitten ihrer Zeit bezeichnete 
und, wenn er auch die Griechen als Volk unter die Römer stellte, doch 
die größere dichterische Kraft des griechischen Epikers anerkannte ; 
bekannter Schon Giambattista Vico, der als ein Vorläufer der 80ge- 
nannten Wolfschen Theorie Homer als historische Persönlichkeit leugnete 
und nur als die Personifikation des epischen Geganges gelten lassen wollte; 
recht eingehend würdigt Finsler außerdem Cesarotti, der zwar viel 
an Homer auszugetzen batte, aber Sich mit ungeheurem Fleiß als Über- 
Setzer und Erklärer betätigte und d'Aubignac und Vico gegenüber die 
dichterische Einheit der homerischen Gegsänge Selbständig betonte; von 
ihm Stammt auch eine von Lessing unabhängige, 8chöne Würdigung des 
Achilleusschildes als eines „poetischen Gemäldes“. 
In Frankreich, wo Homer um die Wende des 15. und 16. Jahrhun- 
derts bekannt wurde, übte er im ganzen nicht den gleich tiefen Einfluß 
auf das Geistesleben wie in Italien: man stand hier doch dem Altertum 
unabhängiger gegenüber als in Italien; auch bildete, wie der Verfagser 
mit Recht hervorhebt, „nicht wie in Italien das Epos, 8ondern das Drama 
den Höhepunkt des poetischen Könnens“. Im allgemeinen führte aber 
die Entwicklung zu ähnlichen Ergebnisgen wie im Nachbarland: der
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.