Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Homer in der Neuzeit. 643 
aus ihnen deren Unerreichbarkeit zu erklären guchte; in Homers naiver 
Wiedergabe des Geschauten und Erlebten sieht er Seine Größe als Natur- 
dichter; ferner betont er, wie der mündliche Vortrag und der Zwang 
der Improvisation Inhalt und Gestaltung der Darstellung beeinflußt habe. 
Die Entwicklung von 1730--1800, der Zeit, in der auch die letzten 
Spuren des Klassizismus getilgt wurden, zeigt Homers Name in Ver- 
bindung mit einer Reihe wichtiger allgemeiner ästhetischer Entdeckungen, 
von denen wir nur folgende aus Finslers ausführlicher Darlegung hervor- 
heben: Die Erörterungen über die eigene epische Dichtung hat J. Wilkie 
zu ganz modern anmutenden Anschauungen über Sage, Epos und die 
Bedeutung der Tradition für diese geführt. Ferner kam der Erkenntnis 
Homers die neue, psychologisch begründete Ästhetik zustatten, wie gie 
umgekehrt deren Anschauungen mit begründen half. So begstärkte die 
Allgemeinheit der Bewunderung für Homer Hume in der Angicht von 
der Einbeit des ästhetischen Geschmackes; dergelbe zeigte Sich in der 
Untersuchung über das Aufblühen und den Niedergang der Kunst in 
bedingter Weise der Milieutheorie Blackwills günstig, blieb sich aber 
bewußt, daß doch alle äußeren fördernden Umstände die Tatgache des 
dichterischen Genius nicht erklären können. Auf die von Fingler charak- 
teriSierten Darlegungen von E. Burke, von H. Home Lord Kames und 
von Richard Hurd einzugehen, die im einzelnen für Homer viel In- 
teresgantes bieten, muß ich mir versagen. Nicht schweigen darf dagegen 
auch der kurze Bericht über Youngs in Deutschland vielgelesene Schrift 
„On originale Compogsition“, deren Grundgedanke ist, daß die Nach- 
ahmung der Natur zu Originalwerken führe; die Leistungen der Alten, 
ingbesondere Homers, werden anerkannt, aber 8ie Sollen den Modernen 
nur Soweit maßgebend Sein, daß sie ihnen zeigen, wie 8ie durch Nach- 
ahmung der Natur sSelbst Originalgenies werden können. 
Wieder von anderer Seite wurden um diege Zeit den Homerstudien 
durch die Erforschung anderer Literaturgebiete fruchtbare Anregungen 
gegeben. Wir fühlen uns den aus Herder uns bekannten Ideen nahe- 
gebracht, wenn wir gehen, wie Lowth homerische und althebräische 
Poegie gegenseitig an einander erläutert, wie die Wiedererweckung der 
altenglisechen Balladenpoesie die Vorstellung von der Entstehung der 
homerischen Poesie und der Homers (als Barden oder Mistrels) beein- 
flußten und wie Schließlich wieder das Bekanntwerden des 80ogenannten 
Ossgian zu mancherlei Vergleichen Anlaß bot. Es werden die wenigsten 
Philologen wisgen, daß Macpherson nicht nur eine Reihe von Szenen 
nach Homer gestaltet, Sondern sich in einer Reihe von LKinzelheiten (Fern- 
halten fremder Züge aus der Darstellung der schottischen Natur; Fehlen 
der Götter; angebliche mündliche Tradition der Gedichte) „der herr- 
Schenden literarischen Kritik angepaßt hat und einen nach allen Regeln 
der Kunst verbegsserten Homer zu geben guchte“. 
41*
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.