Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
650 Homer in der Neuzeit. 
Dichtung: „die durch Dichterhand vollzogene kunstvolle Verknüpfung“ zu 
erweisen, der Kritik von Wolfs Prolegomena und der an sie anschließenden 
Erörterungen. Hier ist der Nachweis hervorzuheben, daß Wolf mehr, 
als man gewöhnlich meint, von Heyne, d'Aubignac und anderen 
abhing und daß schon von Cegarotti die Schwächen Seiner Theorie 
aufgedeckt wurden. 
Das Schlußwort des Buches gibt einen Ausblick auf die moderne Homer- 
kritik und deren Ziel: „Bekennen wir uns vor allem zu einer 
poetischen PerSönlichkeit Homer; dann wird uns die Kritik 
und Erklärung der Werke weiter fördern, als wenn ihr Re- 
Sultat nur die Zertrümmerung ist, wie es vielfach der Fall 
war. Dann wird auch die Freude an diegser unvergänglichen 
Poegie die weitesten Kreise der gebildeten Welt wieder 
ebenso stark durchdringen wie in Herders unvergeßlicher 
Zeit.“ 
Noch bleibt, nachdem wir 30 eine Übergicht von Finslers Werk gegeben 
haben, ein Wort zu gagen übrig, wie die Gabe für die Schule zu nützen 
ist. Gehen wir vom Nächsten, von der Homerlektüre aus. 
Unger Homerunterricht und die Homerkommentare kümmern 
Sich um die Frage des Nachlebens homerischer Stellen, Gleichnisse, Figuren 
nicht eben viel, höchstens daß vielleicht einmal auf Lesging verwiesen 
wird. Und doch könnte die Wirkung der Lektüre nur vertieft werden, 
wenn man dem Schüler ein Bild davon geben wollte, wie viel Licht gich 
mit dem homerischen ? im Wandel der Jahrhunderte verbunden hat. 
Warum Soll z. B. in einem Kommentar, der für die Hände der Schüler 
bestimmt ist, nicht von der Nachwirkung der homerischen Proovemien 
gesprochen werden ? Warum Soll bei den in Leggings „Laokoon“ be- 
handelten Stellen nicht angedeutet werden, in welchem Zusammenhang 
Sie Lessing gebraucht hat und wie wir heute urteilen ? Warum Soll nicht 
gelegentlich erwähnt werden, wie verschieden Männer von Urteil über 
diese oder jene Stelle dachten, oder wie moderne Dichter dieger oder 
Jener homerischen Gestalt zu neuem Leben verhalfen ? Jeder Kommentator, 
aber auch jeder in der Praxis stehende Lehrer, der golchen Gedanken 
nachgeht, wird ins Finslers Buch und den zugehörigen Indices über- 
reiches Material finden. Auch um den Wandel der Anschauungen über 
allgemeine Fragen (homerische Epigsoden, Gleichnisse, homerische Charak- 
teristik, äSthetische und geschichtliche Kritik, Gesamtwürdigung Homers, 
Gesamturteil über die Antike) klar zu machen, müßte in einem Kommentar 
wie in dem Unterricht dieges oder jenes typische Beispiel herausgegriffen 
werden. Nur darf gelbstverständlich nicht des Guten zuviel geschehen: 
weder im Kommentar -- er würde nur eine Anzahl typischer Fälle bieten 
dürfen, Sich von umständlicher Darstellung frei zu halten haben, oft
	        

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