Volltext: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Sprachwisgenschaft auf den höberen Schulen ? 653 
 
wisSenschaft. So alt die Forderung ist, 80 Sehr ist Sie in den Hintergrund 
geraten, und weit davon entfernt, ihre Berechtigung wenigstens theoretisch 
anzuerkennen, Steht man ihr im allgemeinen noch immer teils gleich- 
gültig, teils Sogar feindlich gegenüber, oder man behandelt im besten Falle 
die Hauptsache nebenher. Es ist daber vielleicht nicht unnötig, immer 
wieder in dieselbe Kerbe zu hauen, immer wieder die Frage anzuschneiden, 
ob Sprachwissenschaftliches überhaupt in den sSchulmäßigen Unterricht 
gehört, und zu unterguchen, in welchem Umfange und in welcher Weise 
dies geschehen könnte. 
Die Vorfrage nach der Berechtigung sprachwissenschaftlicher Betrach- 
tung auf der höheren Schule ist ohne Zweifel methodischer Art, hängt also, 
da die Methode, der Unterrichtsweg durch das Unterrichtsziel bestimmt 
wird, davon ab, was man als Solches angieht. Nun ist der letzte Zweck 
der höheren Schule an Sgich, also auch des Sprachunterrichts, ohne Zweitel 
die Vermittlung der sogenannten Allgemeinbildung. Darin ist man Sich 
auch einig. Aber das ist leider eine Redengart, unter der jeder Sich denken 
kann -- und zum Teil auch denkt --, was er will, und was gerade in 8eine 
Anschauungen hineinpaßt, ein unendlich dehnbarer Begriff. Wir müsgen 
also Schon weitergehen und bestimmen, worin wohl das Ideal einer solchen 
Allgemeinbildung besteht. Und in diesem Punkte ist man Sich alles andere 
als einig, Sonst würden wir weniger probieren. Während nämlich die einen 
das Ideal in der Erarbeitung möglichst vieler Kenntnisse gehen, in der 
Erziehung zum 80genannten ,„ modernen Menschen“ (Sogar Schon unter 
Rücksgichtnahme auf den späteren Beruf!), betonen die andern, daß es 
nicht auf das multa, Sondern das multum ankomme, also nicht g8o 8ehr auf 
das Wiggen, als vielmehr auf das Können, auf die Erziehung zu der 
Fähigkeit, gelbständig zu denken, zu guchen, zu finden; während dem- 
entsprechend jene in den Rahmen des Unterrichtsplanes Fach über Fach 
bineinzwängen, 80 daß eine Schule wie das heutige Realgymnasium geradezu 
methodisch zur Zersplitterung der Kräfte und dementsprechend zur Ver- 
flachung der Bildung führt, verlangen diese in Erkenntnis der Gefahr 
endlich wieder nach Vereinfachung, nach der Möglichkeit zur Sammlung, 
Besinnung, Vertiefung?); während die einen -- im besten Falle -- den 
Verstand neben dem Gedächtnis Schulen, Stellen die andern die Schulung 
des Verstandes über die des Gedächtnisses. Wer in der letzteren Auf- 
gabe, also in der Erziehung zum verstandesmäßigen Können, zum Zu- 
rechtfinden das Ziel der höheren Schule Sieht -- und nur hier kann 
es liegen --, der wird ohne weiteres zugeben, daß auch der Unterricht 
in den sprachlichen Fächern ihm dienen muß. Und da gibt es eben nur 
1) Das müßte wenigstens der Zweck der bekannten Bewegung sein, die darauf abzielt, den 
Unterricht auf der Oberstufe freier zu gestalten; das ist die Abgicht derer, die wie Tor- 
biörnss8on (a. a. O., 8. 10) oder Collischonn (Hands off! Teubner, Leipzig 1912) die Zurück- 
drängung einiger Fächer fordern,
	        

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