Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
654 Sprachwisesenschaft auf den höheren Schulen ? 
ein Ziel. Alles Reden von „mittelbarem“ und „unmittelbarem“ Zweck 
des Unterrichts --- wie auf dem bekannten 5. Neupbhilologentage --- ge- 
fährdet nur die Einheitlichkeit. Auch der Hinweis darauf, daß die Ein- 
führung der Sprachen in den Lehrplan einem praktischen Bedürfnisse 
zu verdanken ist, ist verfehlt; denn das trifft Schließlich auf alle Fächer 
zu. Und gelbst wenn man diesem Bedürfnisse Rechnung trägt, 80 liegt 
es doch eben vor allem darin, daß der Schüler in den Stand gegetzt wird, 
die fremde Sprache, besonders die geschriebene, die Literatur, ohne Hilfe 
der Übertragung zu verstehen?). Läßt Sich noch ein Übriges tun, dann ist 
es gut, aber das Ziel gelbst darf darum nicht um einen Zoll verschoben 
werden. Und dieges kann, wie gesagt, nur das Sein, daß auch der Sprach- 
unterricht geinen Teil dazu beiträgt, das Nachdenken der Schüler zu 
fördern, gie dazu zu bringen, daß gie nicht an der Oberfläche haften, daß 
gie lernen, nicht mit dem Was Sich zu begnügen, Sondern nach dem Wie 
(dem logischen Verhältnis) und dem Warum (dem historisch-genetischen ) 
zu fragen. Hören 8ie z. B. (im altsprachlichen Unterricht), daß das 
Griechische noch Dual, Optativ und Aorist hat, das Lateinische noch den 
Ablativ, 80 ist das totes, für ihre Verstandesbildung unfruchtbares Wisgen, 
wenn die beiden Sprachen nicht zueinander und (etwa im deutschen oder 
franzögisSchen Unterricht) zu wenigstens einer der Tochtersprachen des 
Latein in Beziehung gegetzt werden, wenn ihnen dabei nicht die Eingicht 
kommt, daß hier nicht Zufall waltet, Sondern eine Art Gegetz, wenn 8ie dann 
nicht von allein den Unterschied zwischen synthetischen und analytischen 
Sprachen finden, nicht seben, wie die Funktion der fortgefallenen Formen 
von den gebliebenen übernommen wird, oder wie die Sprachen den Formen- 
Schwund durch syntaktische Mittel ausgleichen, wie das Franzögische aus 
der Not eine Tugend macht, indem es den Verlust der nominalen Flexion 
durch streng logische Anordnung der Satzteile ersetzt und 80 Sich zu jener 
Klarheit durchringt, die für die Sprache der Landsleute Voltaires und 
Taines charakteristisch ist. Oder, es ist Drill, nichts als Drill und Ge- 
dächtnisgymnastik, wenn die Schüler im Franzögischen lernen, daß der 
Plural durch Anhängung von Ss (und bei den Wörtern auf -al usw. auf x), 
1) Da auf dem Gebiete des neusprachlichen Unterrichts die „Reformer“ eich 80 gern auf das | 
Augland berufen, 80 wird gie vielleicht Torbiörnsgsons hierher gehörige Bemerkung inter- 
esgieren. Er gagt (8. 8f.): „Minder wichtig erscheint mir das Vermögen, in 
Schrift oder Rede die fremde Sprache zu beherrschen. Dies geht chon daraus 
klar hervor, daß wir alle in größerem oder geringerem Maße die fremde Literatur (das 
Wort in geiner weitesten Bedeutung genommen) anzuwenden haben, während nur ein 
unbedeutender Prozentsatz der Schüler später wirklich in die Lage kommt, die 
fremde Sprache im Umgang mit Ausländern anwenden zu müsesen. Es mag dann deren 
eigene Sache Sein, Sich dieses Vermögen zu erwerben, was auch bei einer guten theoretischen 
Grundlage relativ leicht und schnell getan ist.“ -- Auch möchte ich darauf aufmerksam 
machen, daß in genau demselben Sinne Paulsen gich äußert in geinen „Richtlinien der 
jüngsten Bewegung im höheren Schulwegen Deutschlands“, Berlin 1909)!
	        

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