Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
674 Literaturberichte. 
nicht eine über die Grenzen gewachgene Episode war sie ihm, als die viele 8ie mäkelnd im 
Rahmen des Ganzen empfinden möchten, Sondern die Dichtung schlechthin, auf die es 
Goethen in jenen Jahren ankam, das Hauptstück, dem nur wie vorspielmäßig, ganz unver- 
bunden, ein paar Szenen vorangehen“. Und doch zeigen gerade diese Szenen, der Anfangs- 
monolog Fausts, das Gespräch mit Wagner und dasjenige mit dem Schüler, die alle drei die 
Verzweiflung Fausts und ihre tiefliegenden Gründe Scharf beleuchten, Sowie ferner jenes 
kurze Verweilen unter den Plattheiten der Gegellen in Auerbachs Keller, von denen er gsich 
gelangweilt abwendet -- gie zeigen, daß in des jugendlichen Dichters Kopf doch noch etwas 
anderes „„brauste“ als die ihm freilich tief zu Herzen gehende Tragödie des 8chlichten, liebenden 
Mädchens, das durch die Unrast des hochgebildeten, aber in geinem Inneren zerrisgenen 
Mannes ins Verderben gestürzt wird. Auch die bewußte und direkte Anknüpfung an Marlowes 
Eingangszene müßte beweisen, daß die ganze Tragödie des Übermenschen Faust ihn chon 
damals gepackt und erregt hatte. -- 
Nicht minder interessant ist es, die Veränderungen im einzelnen zu verfolgen, zu gehen, wie 
der Dichter bei jeder neuen Formung den alten Ausdruck geglättet, den Vers flüssiger gemacht, 
den Zusammenhang des dramatischen Dialogs besger gestaltet hat usw. Vielleicht am interes- 
gantesten, ja man möchte gagen, ergreifendsten ist es, wenn Goethe am Schlusse des Dramas 
in der vollendeten Ausgabe nach den höhnischen Worten Mephistos „Sie ist gerichtet!“ die 
Stimme von oben hinzufügen läßt: „Sie ist gerettet!“ 
Es lag dem gereiften Dichter mehr daran, selbst das erlöSende Wort über das Schicksgal 
Gretchens auszusprechen. Sie verliert als echte tragische Heldin Leib und Leben, aber doch 
bleibt gie Siegerin, das Gute in ihr triumphiert, indem gie Sich von Mephisto und dem mit 
ihm verbündeten Faust abwendet. . 
Der Herausgeber, ein Schüler Erich Schmidts, den er mit Verehrung als seinen Meister 
nennt, hat den vergleichenden Text der Ausgabe gorgfältig zusammengestellt und in dem 
Vorwort auf knappem Raum alles Nötige über die Entstehungsgeschichte des ersten Teils vom 
Faust mitgeteilt. Der Verlag geinergeits hat, wie bereits angedeutet, dem Werke ein zwar 
großes, doch handliches Format und eine 8chöne Ausstattung gegeben, 80 daß es auch in 
dieger Beziehung nicht allein den Gelehrten, Sondern auch den, der nur Goetheliebhaber 
ist, befriedigen kann. Man möchte wüngschen, daß uns auch einmal die drei Bearbeitungen 
des „Götz“ in dieger Gegstalt vorgelegt würden. | 
Berlin. C. Nohle. 
Lienhard, Friedrich. Einführung in Goethes Faust. (Wisgenschaft und Bildung, 
Band 116.) Leipzig 1913. Quelle & Meyer. 170 8., geh. 1 Mk., geb. 1,25 Mk. 
Dieges Buch ist nach der Angabe des Vorworts aus Vorträgen entstanden, die von dem 
Verfasser in den Ferienkurgen in Jena gehalten worden Sind. Dem entspricht auch gein Charak- 
ter: es wendet aich nicht an die Gelehrten und Faustforgcher, wenigstens nur ganz gelegent- 
lich, gondern es will gebildete Laien in die Goethegche Dichtung einführen. 
Nur gerade den Titel „Einführung“ hätte ich lieber nicht gesehen. Wer in Goethes Faust 
einführen will, muß zunächst den einfachen, klaren Sinn des im Drama tatsächlich Vor- 
handenen uns vermitteln und danach den Sinn des Ganzen zu erklären guchen. Hier wird 
auch das Drama im einzelnen durchgegangen, aber die Deutungen und Erklärungen gsind 
doch gehr gubjektiv und oft anfechtbar; sie reißen uns durch oft angestellte Vergleiche der 
Stellen im Drama unter zich und mit andern Dichterwerken hin und her, die Grenzen dessgen, 
was wirklich im Drama gemeint gein kann, verwischen zich uns, und der 80 klare Goethe wird 
zu einem immer nur von den höchsten Ideen redenden, man möchte gagen, dithyrambischen 
Dichter. Um nicht ungerecht zu erscheinen, gei uns gestattet, eine Stelle über den Euphorion 
des 2. Teils herauszuheben (S. 87). Dem Verfasger ist die Helena-Kuphorion-Episode ein 
„TDraumspiel großen Stils“. „„Bei Euphorion denken wir, in raschem Fluge und fast gleich- 
zeitig, an Phöbus Apollo, Ikarus, Phaethon, den jungen Hermes, die Poegie, die Phantasie, 
Lord Byron, den Dichter und Griechenkämpfer; im Hintergrunde zittert mit die Erinnerung
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.