Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Gymnagium und Oberrealschule. 689 
 
Steht das Allgemein -Mensgchliche, die Weltanschauung, in der engsten 
Verbindung mit den Eigentümlichkeiten der Hauptvölker. 
Ist es nicht zu hoch, wenn wir diese Eingicht als das Ziel des Unter- 
richts in der Oberrealschule hinstellen ? Versäumen wir darüber nicht 
die nähere Pflicht, den Jungen nützliche Kenntnisse für das Leben mit- 
zugeben? Geben wir damit nicht das eigentliche Wesen der Realan- 
Stalten auf, welche nach ihrem Namen den Schüler endlich zu den Dingen 
Selbst führen Sollten ? 
Zunächst: Wer mit dem Hinweis auf die bloße Nützlichkeit sein 
Schulideal empfiehlt, verkennt Wirkung und Ziel. Indem sie nach 
dem höheren Ziel streben, werden die Schüler reif für das Verständnis 
der Gegenwart, gie gewinnen Kraft und Lust zu wirken in dieser Welbt. 
Und für den Aufbau mögen wir nach Goethes Wort handeln: „Vom 
Nützlichen durchs Wahre zum Schönen.“ 
Dann: Mit dem Schlagwort „es, non verba“ hatte man den Kampf 
gegen das Buchwisgen und dessen Pflegestätte, das Gymnasium, aufge- 
nommen, ohne zu bedenken, daß wir auch auf dem Gebiete der Natur- 
wisgenschaft nur dadurch lernen, daß wir angegichts der Natur die 
Gedanken großer Forscher nachdenken. So lernen wir auch die 
Natur wegentlich nur in der Art kennen, wie 8ie 8ich in den 
Gedanken der Forgscher spiegelt. 
Damit verbindet sich noch ein anderer Gegensatz! 
Roethes Vortrag im „Verein der Freunde des hfimanistischen Gym- 
nagiums“ läßt mit voller Deutlichkeit die innere Verwandtschaft der 
Gymnasialbildung mit dem Ideal eines geistig durchgebildeten Indivi- 
dualismus erkennen; 80, wenn er gagt „Es ist eine befreiende Tat des 
alten Humanismus gewegen, daß er dem stolzen Individuum freies Luft 
des Atmens gab“ (S. 35), oder „Von den Einsamen kommt doch das 
Beste her. Mit Goethe und Platon einsam Sein, das läßt gich schon er- 
tragen“. Er zweifelt nicht daran, „daß die Schule, welche die Selbstän- 
digkeit gegenüber den nivellierenden Elementen des Lebens verbürgt, 
die Schule von Hellas ein wird“. Eine g8tolze und berechtigte Hoffnung, 
der gegenüber die Frage: Wie kann eine freie und geistige Bildung auf 
einem anderen Wege, als dem der Antike erworben werden ? fast ohne 
Antwort zu bleiben Scheint. Und wenn wir gar bedenken, daß die fort- 
währende Steigerung des wirtschaftlichen Lebens zu einer immer stei- 
genden Differenzierung der Tätigkeiten zwingt, 80 dürfen wir mit Goethe 
fragen: „Muß nicht durch diese unvermeidliche Differenzierung ein in 
Parteischranken eingegchlosgenes, engherziges, unfruchtbares Geisteswesen 
erwachgen ?“ Praktische Anwendung des Wisgens allein, bloße Nützlich- 
keit allein gibt noch keine Kultur. Diese Bedenken teilen wir 
vollständig. Aber auch auf diesem Gebiete gilt: Was fruchtbar ist, allein 
iet wahr. Und es ist nicht genug zu wissen, man muß auch anwenden 
DE Am menmwäanhana Awvnhivr 44
	        

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