Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
690 Gymnagium und Oberrealschule. 
(Goethe, Spr. in Progsa, 484). Die ungemeine Entwicklung des wirtschaft- 
lichen Lebens, begonders geit der Mitte des 19. J ahrhunderts, richtet für 
immer die Scheidewand auf zwischen der mehr ägthetisgchen Kultur, 
die darauf gerichtet war, aus dem Einzelnen durch eine allseitige Ent- 
wicklung einen Spiegel zu machen, in dem die Welt als Totalität im 
Bilde erschiene, und der mehr wirtschaftlich-technischen Kultur, 
die den Einzelnen nur nach geiner Verwendungsfähigkeit in dem ganzen 
Betriebe beurteilt, die ihn unablässig anspornt zum Wirken, aber bei 
Seinen Erfolgen wenig nach dem zittlichen Wert fragt. Knapp zusammen- 
gefaßt stehen gich also das Ideal einer freien, gittlichen, auf gich gelbst 
ruhenden, durch die Pflege der Kunst und Philogophie ausgebildeten 
Persönlichkeit und die unerbittliche Forderung eines Berufes, 
innerhalb dessen man an den Verhältnisgen der gegenwärtigen Welt wir- 
kend Anteil nimmt, schroff und oft unvermittelt gegenüber. Angesgichts 
dieger Gefahren ist mit Goethe daran festzuhalten, daß die Pergön- 
lichkeit allein die Stätte echter Kultur ist. Ihr tiefster Grund 
bleibt der sittliche Wert, durch ihn allein wird eine dauernd Segensreiche, 
organische Verbindung des Einzelnen mit dem allgemeinen Kulturgehbalt 
möglich. Vom Kkünstlerischen Schauen und Betrachten aber muß der 
Mensch -- die Gegenwart läßt ihm gar keine Wahl -- zum Wirken in 
dieser Welt übergehen. Der Einzelne kann geinen Wert nur dadurch ret- 
ten, daß er dieszem Wirken von gich aus eine zittliche Richtung gibt. Er 
muß den Weg Wilhelm Meisters und Fausts einschlagen. Damit nicht 
die äußeren Verhältnisse alle Macht über ihn gewinnen, muß er in zich 
die -Freiheit durch die religiöse Ehrfurcht gewinnen und nach außen zich 
auf bestimmte Tätigkeiten beschränken, „eines wiggen und üben“ 
und „das Folgerechte in gich gelbst guchen“. Dann kann er die Anre- 
gungen von außen in wirkende Kraft umgetzen, die er nach einem Ziele 
einheitlich leitet. Dann wird das, was er tut, ihm nicht abgerungen, gon- 
dern es wird gein Werk und erbält den Stempel geines Geistes. Dann 
wird der Kinzelne trotz der engen Schranken, die ihn umgeben, aich inner- 
lich frei fühlen, er wird unabhängig vom äußeren Leben in zich einen 
Selbstwert gewinnen und in der wirtschaftlichen und gozialen Gebunden- 
heit nicht knechtische Feggeln, Sondern gittliche Bande gehen, die ihn 
nicht herabdrücken, sondern durch den Zwang pflichtmäßigen Handelns 
heben und durch die Teilnahme an einem höheren Ganzen geinem Leben 
eine höhere Weihe geben. 
Wie kann die Bildung, welche die Realanstalten geben, 
diesen Zielen zuführen? 
Bei der Kürze der Zeit erlauben Sie, daß ich nur auf das Allge- 
meine und Prinzipielle eingehe und alle Einzelheiten bei Seite lasse. 
vehen wir von den technischen Fächern ab, 80 gliedern gich die Ge- 
biete des Realschulunterrichts in drei Gruppen: erstens Mathematik
	        

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