Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Gymnasium und Oberrealschule. 691 
und Naturwigssgengschaft, zweitens Neuere Sprachen und drittens 
die ethischen Fächer, Religion, Deutsch und Geschichte. 
Beginnen wir mit den mathematisch-naturwisgenschaftlichen Fächern. 
Allgemein und rückhaltlos anerkannte Vorzüge dieser Fächer gind die 
Klarheit, zu der die Angschauung, und die Schärfe, zu der das 
Denken durch zie erzogen wird. Sie üben eine ungemein tiefe Wirkung 
aus, weil die Schüler ihnen mit dem lebhaften Wungsche entgegenkom- 
men, zu wisgen, wie die Dinge wirklich gind. Sie sind völlig der Gegen- 
wart und Zukunft zugewandt und kümmern gich wenig darum, wie die 
Grundlagen des Weltbildes, das sie als gegeben hinnehmen, erarbeitet 
worden gind. Genug; diese Grundbegriffe gind da, sie erlauben eine Deu- 
tung und Vorausbestimmung der Naturereignisse, sie machen das Natur- 
geschehen begreiflich, also sind gie -- diese Folgerung zieht zwar nicht 
der Forgscher, auch nicht der Lehrer, gehr oft aber und oft unbewußt 
der Schüler -- unumstößlich gicher. Und mit jugendlich stolzer Über- 
legenheit gieht er nun auf die „alten Griechen“, die das nicht kannten, 
und auf das „dunkle“ Mittelalter herab. Sollte aber gerade die Oberreal- 
Schule auf 80 vorzügliche Unterrichtsmittel verzichten, wie gie Danne- 
mann (Gegschichte der Naturwissenschaften), Schulte-Tigges (Philo- 
SOPhische Propädeutik), Edmund König (1. Kants Einwirkung auf die 
Naturwissgengschaft des 19. Jahrhunderts. 2. Die Materie. Göttingen 1911) 
und Classen (VorleSeungen über moderne Naturpbilosophie. Hamburg 
1908) bieten, die Grundbegriffe dieses naturwissenschaftlichen Welt- 
bildes in ihrer geschichtlichen Entwicklung zu erörtern ? So könnte die 
wertvolle Einsgicht gewonnen werden, wie durch die denkende Bearbeitung 
der in der Erfahrung gegebenen Objekte die Grundlagen zu dieger Auf- 
fasSung gelegt worden ind. Eine golche Betrachtungsweise würde zweier- 
lei zur Erkenntnis bringen : 
1. Daß das Weltbild der Gegenwart gsich nicht von Selbst aus 
der Natur ergibt, Sondern auf der geistigen Arbeit vor- 
nehmlich der drei Jahrhunderte von 1500--1800 beruht, 
daß es also ein Werk der Kultur ist; 
2. Daß eine Reihe von Rissen und Denkwidersprüchen das 
naive Vertrauen in die objektive Gültigkeit dieger An- 
Schauungen erschüttern und uns darauf hinweisen, daß 
diese Begriffe eine Weiterbildung nicht ausgschließen, 
Sondern möglich machen und nahelegen. 
An Beispielen kann sehr wohl gezeigt werden, wie die geschulte Phan- 
tagie des Forschers die Lücken zwischen den beobachteten Tatgeachen 
zunächst durch eine vorläufige Hypothese ergänzt, wie der Verstand dann 
'diess Annahmen an Beobachtungen und Experimenten nachprüft und 
verbessert, daß also in einer geltsamen Verflechtung denkende Be- 
arbeitung und aufbauende Phantagie zusammengewirkt haben, 
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