Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
692 Gymnagium und Oberrealschuls. 
 
um aus dem Chaos der Ergcheinungen den. mathematisch geordneten 
Kosmos des Naturganzen aufzubauen. Warum gollte man hier nicht 
gelegentlich ähnlich wie in der Biologie verfahren, daß man dem Schüler 
die Vorgänge erst in den groben Umrissen darstellt, wie sie Sich dem 
bloßen Auge darbieten, Sie dann mit der Lupe untergucht und endlich 
ihm einen Einblick gibt, wie ihn die entwickelten Forschungsmethoden 
der Gegenwart gestatten ? 
Ebenso könnte man bei einem 80 wichtigen Begriff wie dem des Rau- 
mes und Seiner Unendlichkeit von der natürlichen Anschauung awus- 
gehen, daran Lockes einfache Darstellung schließen, darauf Humes 
abstraktere Fasggung entwickeln?), und so die Schüler in die Grundlagen 
einführen, von denen aus am besten Kants tiefsinnige AuffasSung zu 
versgtehen ist. Durch solche Betrachtungen würde Klarheit wie Anschau- 
lichkeit des Denkens gefördert und das wäre Sicher im Sinne ebenso der 
Naturforschung wie der praktischen Verwendung ihrer Ergebnisse. An- 
Schauendes Denken zu üben empfiehlt Kammerer mit Recht?). Dar- 
um müßten die Realanstalten es gich besonders angelegen gein lassen, 
den Sinn für Beobachtung im Zeichnen und im naturwisgenschaftlichen 
Unterricht gsorgfältig auszubilden. Die Schüler müßten lernen 1. rein 
aufzufasgen, was und wie es die Sinne bieten, und 2. sich zu der Auf- 
fasgung eines Vorganges oder eines Dinges oder Zustandes als eines Gan- 
zen zu erheben, um die Kraft der intuitiven Erfasgung, die Bildkraft 
des mengchlichen Geistes, welche die Quelle für alle Erfindungen und 
Entdeckungen ist, zu pflegen. Denn diese Bildkraft ist es, welche die 
Lücken des bisherigen Wisgens mit mannigfachen Versguchen 80 lange 
ausfüllt, bis eine befriedigende Lögung die Mengchheit weiter führt. 
Welch eine starke Anregung diese Kraft dadurch erfährt, daß ihre Er- 
gebnisse verwendbar gein müsgsen, wie auf der beständigen Wechselwir- 
kung von Theorie und Praxis vornehmlich die Überlegenheit der mo- 
dernen europäischen technischen Knltur gegenüber dem Wizssen der 
Agiaten beruht, das zeigt Reuleaux höchst anschaulich*). 
Wenn in dieger Art die philosophischen Elemente im naturwissen- 
gchaftlichen Unterricht herausgearbeitet werden, 80 kann man die an- 
deren Fragen der philogophischen Propädeutik, wie die der Erkenntnis- 
theorie, der Ethik und Weltanschauung ruhig den freien Kurgen über- 
laggen, die auch für die Realanstalten wünschenswert und durchführbar 
gind. Eine eindringende und begonnene Behandlung dieser Fragen würde 
1) Material zur Behandlung golcher Fragen bieten die von J. Ruska veranstalteten 
Schulausgaben von Locke und Hume in desgen Sammlung „„Englische Schriftsteller aus 
dem Gebiet der Philosophie, Kulturgeschichte und Naturwisgengchaft“, Band 1 u. 7 
(Heidelberg, C. Winters Universitätsbuchhandlung). 
2) In einem auf der Versammlung der Deutschen Ingenieure 1912 gehaltenen Vortrag. 
3) In dem Vortrag Kultur und Technik, Vgl. Wochenschrift des niederögster- 
reichischen Gewerbevereins. Wien 1884.
	        

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