Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
7 10 Die Schillerauffassung bei Friedrich Albert Lange. 
Scheinungen, und dies schließt bereits immer eine gewisse idealisierende 
Tätigkeit des Dichters mit ein. Der Dichter stellt die Dinge 80 dar, als 
ob 8ie 80 wären, wie gie Sich in Seinem Geiste widerspiegeln. Mischt gich 
doch schon in die ursprünglichste Sinnentätigkeit eine Zutat unseres 
Geistes.?) Alles Schöne ist die Dichtung und fällt nicht mit Wahrheit 
im Sinne der Wirklichkeit zusammen. Hier, wo Lange von der ideali- 
gierenden Tätigkeit des Dichters --- unabhängig von Schiller aber ganz 
im Sinne Schillers -- spricht, geht er von dem Gedanken aus, daß die 
Einheit des Wahren und Schönen ein unbewiesenes Dogma, ja strong 
verstandesmäßig geprüft ein unrichtiges Dogma ist. Aber manche An- 
nahmen, die auf Grund willkürlicher Voraussetzungen gemacht werden, 
Sind für die Förderung des mengchlichen Geistes ungleich fruchtbarer 
als manche mit dem Schein der Voraussetzungslogigkeit prunkenden 
Lehrgätze. Vaihinger getzt für Langes Begriff Dichtung den Augsdruck 
Fiktion und vergteht darunter ebenso wie Lange „nicht nur gleich- 
gültige theoretische Operationen, gondern Begriffsgebilde, welche die 
edelsten Menschen ersonnen haben, an denen das Herz des edleren Teiles 
der Mengchheit hängt, und welche es gich nicht entreißen läßt“. 2) Von 
der Seite der Poegie hat Schiller diesen Gedanken in dem Gedichte „Poegie 
des Lebens“ dargestellt. Die Berechtigung, ja N otwendigkeit der Dich- 
tung bleibt gänzlich unberührt und uneingeschränkt durch den tatgäch- 
lichen Gegengatz des Wahren und Schönen. 
Die tiefere Erörterung der Berechtigung, Würde und Bedeutung des 
Schönen Scheines erfolgt darauf in der „Macht des Geganges“; das Ge- 
dicht „Poesgie des Lebens“ begnügt gich mit der bloßen Gegenüberstellung 
und war dem Dichter nur „eine Brücke von der Philogophie zur Dich- 
tung, oder vielmehr nur von der einen Art der Begehäftigungsweise zur 
andern ; denn in der Sache gelbst bedurfte er keiner Brücke, da Philo- 
Sophie und Poegie in geinem Wegen in einem merkwürdigen Grade ver- 
Schmolzen waren“) 
Die Krone aller Dichtungen ist für Lange „das Ideal und das 
Leben“, und er ist unermüdlich, bei Jeder Sich bietenden Gelegenheit 
den ästhetischen, philosophischen und religiögen Wert dieses Gedichtes 
zu preisen. Den christlichen Erlögungsgedanken findet er im Bilde der 
Himmelfahrt des Herakles zur Idee einer ägthetischen Erlögung ver- 
allgemeinert.*) Was der Platonischen Ideenlehre trotz aller für die 
Wissenschaft verhängnisvollen Irrtümer an Ewigkeitswert innewohnt, 
kleidet er in Schillers Dichterworte. „Die Gestalt, wie Schiller 80 gchön 
und kräftig den abgeblaßten Augsdruck Idee wiedergibt, wandelt noch 
immer göttlich unter Göttern in den Fluren des Lichtes und hat noch 
heute, wie im alten Hellas, die Kraft, auf ihren Flügeln uns über die 
1) Gesch, d. Material. II, 498. 2) Vaihin ger: Die Philosophie des Als Ob, S8. 68. 
*) Einleitung und Kommentar 8. 36. 4) GQGegch. d. Material. 11, 547.
	        

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