Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
734 Literaturberichte. 
Die erste Abhandlung dieger Sammlung ist ein vorzügliches Beispiel dessen, was Spranger 
leisten möchte, und darf außerdem als eine wertvolle Ergänzung der Sprangerschen Humboldt- 
untersuchungen angesehen werden. Mit großem Eifer und Erfolg hat Sich Gunnar Thiele 
langwierigen Aktenforschungen mit Ausdauer unterzogen, und sein Finderglück hat die Hoff- 
nung des Herausgebers noch übertroffen. Denn nicht nur die Organization der Volksschule, 
Sondern auch die Entstehung des preußischen Seminarwesens vermochte er auf Grund des 
neu gefundenen Materials klarzulegen. Thiele zeigt, daß die entscheidenden Formen der 
preußischen Volksschule und des Lehrergeminars vor allem aus der stillen, organisatorischen 
Arbeit im Westen Preußens, aus der Tätigkeit Süverns und Ludwig Natorps, hervor- 
gegangen und durch ihre Auffassung von der Volksbildung und der Pestalozzischen Methode 
bedingt 8ind. Die Arbeit Thieles beruht zum größten Teile auf der Eingicht in ungedruckte, 
bisbher unbenutzt gebliebene Urkunden des Königlichen Preußischen Kultus-Ministeriums 
und des Königlichen Geheimen Staatgarchivs zu Berlin. 
In erfreulicher Weise werden hier die Behauptungen bestätigt, die in einer vor längerer 
Zeit erschienenen Abhandlung über Ludwig Natorp Sein Urenkel Paul Natorp aufgestellt 
hat, und im begsonderen gezeigt, welch großen, ja entscheidenden Anteil Ludwig Natorp an 
der Süvernschen Instruktion über die Einrichtung der allgemeinen Elementarschule von 
1813 gehabt hat. 
Die im Anhange abgedruckten Stücke lassen den Wunsch rege werden, daß die Schriften - 
Ludwig Natorps, vor allen Dingen der prächtige Briefwechsel einiger Schullehrer 
und Schulfreunde durch einen Neudruck weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden 
möchten. Die außerordentlich gründliche und feinginnige Thielesche Schrift gehört ohne 
Zweifel zu den bedeutsamsten Quellenuntersuchungen, die auf pädagogisch-geschichtlichem 
Gebiete in der letzten Zeit veröffentlicht worden gind. 
Charlottenburg. A. Buchenau. 
Mömoires sur 1l'ecducation morale pr&gentes au deuxiäeme Congres inter - 
national d'6ducation morale 4 1a Haye 22-27 aoüt 1912. La Haye 1912. 
Martinus Nihoff. 1072 S. geh. 10 Mk. 
An dem 2. internationalen Kongreß für moralische Erziehung -- der 1. hatte 1908 in 
London stattgefunden --- beteiligten sich offiziell 18 Länder; die holländische Regierung war 
nicht vertreten. Die Zahl der Teilnehmer betrug gegen 900. Italien hielt Sich vom Kongreß 
fern, weil als Sprachen nur Deutsch, Englisch, Franzögisch und Holländisch zugelassen waren. 
Über 220 Beiträge wurden den Mitgliedern gleich beim Beginne überreicht. Die Berichte 
der nordamerikanischen Vertreter erschienen etwas Sspäter. 
Die Verhandlungen umfagssen, dem Programm des Kongresses gemäß, vier Hauptpunkte: 
1. Moralische Erziehung: a) vom konfessionellen oder vom freisinnig-religiögen Standpunkt 
betrachtet, oder unabhängig von jedem Bekenntnis; b) vom gozialen und nationalen Stand- 
punkt betrachtet; die Bildung des Willens; c) vom praktischen Standpunkt aus betrachtet. 
2. Körperliche Erziehung als Mittel zur Charakterbildung. 3. Die Jugendlichen: a) mora- 
ligche Erziehung in Lehrergeminaren und in Kriegs- und Marineschulen; b) Charakterbildung 
im Elternhaus und in der bürgerlichen Gegellschaft; c) Charakterbildung junger Leute 
in Erziehungsanstalten, in denen der Lehrstoff über den Elementarunterricht hinausgeht. 
4. Charakterbildung abnormer Kinder. Diese Einteilung ist natürlich eine mehr äußerliche: 
Die einzelnen Probleme haben eben zahlreiche Berührungspunkte; dann zieht sich durch alle 
Verhandlungen der meist offene Gegensatz zwischen den Vertretern der zwei großen Welt- 
angchauungen; und endlich offenbaren zich auch hier, wie in der Regel bei internationalen 
Kongressen dieser Art, die Schwierigkeiten der Terminologie, indem dieselben Wörter von 
verschiedenen Völkern zum Ausdruck mehr oder minder verschiedener Begriffe gebraucht 
werden. 
Es kann sich in dieger kurzen Besprechung nur darum handeln, die typischen, gehalt- 
reicheren und die Gedankenkreise dieger Zeitschrift näher berührenden Berichte herauszu-
	        

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