Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
 
62 Literaturberichte 
überrascht würde, die ich bisher niemals durchgesprochen habe, dann wäre meine Antwort: 
„kommt vor der nächsten Stunde wieder; dann gage ich euch, wo ich euch auf diese Frage 
zu antworten gedenke“. Nur wenn geelsorgerliche Interessen beteiligt zind, müßte 8ofort eine 
Gelegenheit zur Aussprache gefunden werden. Dann ist es aber meistens besger, die Be- 
3prechung im engsten Kreis und mehr ad hominem zu gestalten. --- Aufgefallen ist mir, wie 
Niebergall bei einer großen Rückzichtnahme auf die Schüler doch z. B. bei Besprechung der 
wichtigen Frage nach dem Wegen des Christentums sich bei einer Darlegung beruhigen kann, 
bei der er das Gefühl hat: „Zwar will das den jungen Herren gar nicht eingehen“. Meine 
Meinung ist, daß er geinen Verguch, alles ins Praktische zu übergetzen, doch mit zu«yiel 
Theorie belastet. Der einfache Hinweis darauf, daß Glaube und Liebe durch die ganze Ge- 
Schichte der Christenheit hindurch als die Merkzeichen des Christenstandes gegolten haben 
und daß dabei Glaube immer eine apriorische Zuversicht und Liebe eine apriorische Hilfs- 
bereitschaft gewesen Sind, genügt völlig, um, von Zeit zu Zeit wiederholt, den jungen Leuten 
das Wegen des Christentums ohne alle metaphysischen Formeln klar zu machen, Das emp- 
finden gie 80fort, daß eine apriorische Zuvergicht den einzelnen ebenso gegen alle Schwan- 
kungen festigt, wie eine apriorische Hilfsbereitschaft gein Leben füllt und für das Leben der 
andern wertvoll macht. -- Zu kurz scheint mir Niebergall die eigentümlichen Schwierigkeiten 
der Überlieferung von Jesus im Unterricht zu behandeln. Richtig ist, daß er den Ausgang 
von den Streitgesprächen nimmt; damit gibt er die Augeinandergetzung der alten und neuen 
Frömmigkeit. Aber aus den Büchern Jegaia und Jeremia läßt zich die Gestalt dieger Pro- 
pheten leichter zur Anschauung bringen als aus den Evangelien die Gestalt Jesu; jene alt- 
testamentlichen Bücher sind besgere Geschichtsquellen als die Evangelien, und je schärfer das 
Auge des Schülers für die Wertung von Gegchichtsquellen gebildet ist, desto schwieriger ist 
es, ihm an der Hand der Evangelien das Bild Jesu zu zeichnen. Dazu kommt der Zweifel, 
der durch das Gerede über A. Drews u. ä, m. wachgerufen ist, auch wo Sgolche vielberufene 
Schriftsteller nicht gelesen 8ind. Meines Erachtens hilft hier nur eine etwas peinliche, aber sorg- 
fältige Einführung in die Quellenfrage. 
Eine sehr 8chöne Darstellung der christlichen Glaubens- und Sittenlehre bietet Arnold Kögter. 
Wie das ganze Buch ist auch zie in vieler Hingicht einfach musterhaft, Ein einheitlicher. 
praktischer Gedanke, die Gemeinschaft guter Persönlichkeiten als Strebens- und Glaubengziel, 
beherrscht alle Ausführungen mit der Selbstverständlichkeit schlichter Wahrheit. Schade ist 
ein gewisges Überwiegen formaler Bestimmungen. Das tritt schon in der Grundeinteilung 
hervor: „Zurückweisung unrichtiger Methoden“ und „Anwendung der richtigen Methode“ 
(letzteres allerdings neben der positiven Bezeichnung: Heilslehre). Hier könnte man durch 
andere Überschriften belfen. Anders steht es aber, wenn in weitläufiger Ausführung das 
Verhältnis des gittlichen Strebens zum religiözen Glauben erörtert wird; die scharfen Unter- 
Scheidungen erinnern hier an die Scholastik und tragen für die Anregung Junger Leute zu 
wenig aus, um in dieger Breite vorgeführt zu werden. Daneben fehlt es auch nicht an Be- 
denken, die unmittelbar die Sache angehen. Es ist gewiß richtig, daß bei der Mannigfaltigkeit 
des Lebens und der Individuen dem einen gut sein kann, was dem andern böse ist. 
Aber ebenso richtig ist es, daß es gewisse Grundlinien eines für alle bindenden Lebensbildes 
gibt in Hilfsbereitschaft, Reinheit, Wabrhaftigkeit, Rechtlichkeit usw. Diege speziellen For- 
derungen kommen in Kögters hochgespannter Ethik zu wenig zum Wort. So genügt es auch 
nicht, die rechte Kasteiung des evangelischen Christen nur als Geduld und Gebhorsam in 
den schmerzlich empfundenen Leiden und als Freude und Dank in Leid und Glück aufzu- 
fasgen, 80ndern, wie Niebergall ganz richtig betont, ist Kasteiung auch im evangelischen Sinn 
allerdings gelbsterwähltes Leiden -- nur nicht zum Zweck des Erwerbs göttlicher Gnade, 
Sondern zum Zweck des Erwerbs gittlicher Kraft. Davon spricht Paulus 1. Kor. 9, 24--27. 
Alles Gegagte mag das hohe Interesse des Referenten an dem 8chönen, reichhaltigen Handbuch 
kundtun, aus dem jeder Nutzen ziehen wird, dem die erhebende und doch auch 80 schwierige Aufgabe 
gestellt ist, die erwachsene männliche Jugend ungerer höheren Schulen in Religion zu unterrichten. 
Gießen. Oscar Holtzmann,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.