Full text: J. P. Rossel's Wochenblatt für Elementar-Lehrer - 5.1832 (5)

 
 
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enges, kleinliches Herz, das zu keiner rechten, freien Thätig- 
Leit gelangt. 
Bändiget in Zeiten das heftige Gemüth in euc< , damit 
es euer Herz nicht überhole und fortreiße in unbändigem Zorn 
und leidenſchaftliher Hie zu Worten und Handlungen, die 
Felbſt die bitterſte Reue nicht zurü> bringen und wieder gut 
maden kann. Die Heftigkeit macht uns unfähig , auf Herz und 
Gemüth unſerer Mitmenſchen zu wirken, ſtößt ſie von uns, 
und macht ſie hart und eigenſinnig , wie uns ſelbſt. „Selig ſind 
die Sanftmüthigen, denn ſie werden das Erdreich beſißen,“ 
ſie herrſchen dur&< Eintracht und Liebe in den Gemüthern ihz2 
rer Brüder5 wo aber Hibe und Eiginſinn walten, da gehen 
die Hände aus einander , mit ihnen die Herzen, und die Zwie- 
tra<t ſchwingt ihre Unheil bringende Geiſel über den Häup- 
tern der Menſchen. Da gewinnt das Mißtrauen Plaß, das 
lieb: und ſ<honungslos um den Mitbruder herumſc<hleicht , auch 
den kleinſten Fehler ho< anrehnet, und in dem unſchuldigſten 
Worte eine Beleidigung findet. Haltet jeden Meniſc<en ſo lange 
für gut, bis euc<g die entſ<eidendſten Beweije ein anderes Ur- 
theil aufdringen, und gebt nicht der kalt bereGnenden, miß- 
trauenden Klugheit Raum, die Keinem traut, er kabe ſich 
denn zuerſt als Freund erwieſen. Solche Klugheit erkältet das 
Herz , und tödtet die rechte Liebe, die allein darin herr- 
ſchen ſoll. Nur von dieſer Herrſchaft reißt euch nicht los, 
nur von ihr wollet nicht frei ſeyn, ſondern beuget ihrem 
Scepter willig eure Herzen« „Die Liebe iſt langmüthig und 
freundlich „“ ſte herrſchet ſanft und Keiner hat es bereuet, ihr 
gefolget zu haben , wenn nicht blinder Leichtſinn und Un 
beſonnenheit ihre Gefährten waren. Darum wahret eure 
Herzen auch vor dieſen Uebeln 3 gebt eu<&4 nicht Jedem blind. 
lings hin, der euc<€) mit ſüßen Worten entgegen kommt , daß 
ihr nicht in die Hände der Verführung fallet, Höret auf 
das warnende Wort eurer Eltern und erfahrener Freunde , und 
lernet an ihrer Hand die Geiſter prüfen, und den verborgenen 
Böſewicht entlarven z die verſchlagene Liſt ſcheitere an der Feſtig: 
keit, mit der ihr der Sittlichkeit , Tugend und Frömmigkeit 
anhanget. | 
Darum behütet euer Herz mit allem Fleiße , ſorgt auc<h da- 
für, daß es ſtark und kräftig werde im Glauben, in 
der Liebe und in der Hoffnung. Stark und unverzagt im 
Glauben muß das Herz ſeyn , daß der Menſc< nicht verzage, 
wenn ſeine. Kräfte gering ſind , und nict ausreicßen wollen, 
um den Trieb der Liebe zu ſeinen Brüdern ganz zu befriedigen, 
Wenn der Verzagte , der an Vertrauen Arme die Hände ſin- 
ven läßt, ſo ſpricht dagegen der im Glauben Starke : „Iſt 
nicht Gottes Kraft aum; in dem Schwachen mädtig , und kann 
er niet aus Wenigem viel machen? Er wird den guten Willen 
ſeonen /' und „was oft kein Verſtand der Verſtändigen ſiehtz 
in Einfalt vollbringt es ein kindlich Gemüth." Aber feft in ſich, 
ſeiner Ueberzeugung , ſeines Slaubens gewiß muß der Menſch 
ſeyn , der Menſ<enwohl berathen und fördern will. Wer nie 
re<&t ernſtlich über das nachgedacht hat, was er will, ſondern 
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jedem Winde folgt, ſich bald zu dieſer, bald zu jener Meynung 
hinziehen läßt, der verdient kein Vertrauen, floßt aucy keines 
ein, und, wo dieß fehlt, da kann auc<h der Klügſte nichts aus- 
richten. Wer aber die Zuverſiht , den gewiſſen Geiſt im Her- 
zen trägt, der ſpricht und handelt auc<g mit Zuverſicht , und 
es gelingt ihm mit Freund und Feind. Wie widrig auh die 
Umſtände ſind, wie taub die Menſ<en für das Gute , wie 
bart und verſtoXet die Herzen oft ſcheinen z dennoch findet ein 
mit Zuverſicht , mit kindlihem Vertrauen auf Gottes Beiſtand 
ausgeſprochenes Wort nicht ſelten eine gute Statt, und wet 
die Luſt zum Guten in dem kranken Gemüthe, die Reue und 
den feſten Entſchluß zur Beſſerung in der verwirrten Seele, 
Und wenn auH die Wirkung eurer Ermahnungen , Belehrunz- 
gen, Ermunterungen , eurer leiblihen und geiſtigen Hülfe nicht 
glei) ſichtbar werden, wenn ihr hier kalt, dort bitter zurück 
gewieſen werdet, =- nur unverzagt! Der oft fallende Tropfen 
höhlt do< den Stein, und was heute nic<t wird, kann 
morgen werdenz das ſtarke Herz hält aus , unverdroſſene 
Arbeit überwindet Alles , und führt zum Ziel. 
Vor Allem aber ſorgt dafür , daß euer Herz ſtark und feſt 
werde in der Liebe , damit es ausſ<eide , was dieſem edeln 
Triebe nicht angehört, damit es ſich ni<t, von den Sinnen 
verlo&t, an das Aeußere, an die ſ<gone Geſtalt, an den 
gewandten Körper , an Wiß und Scarfſinn hänge , ſondern 
gerade auf Herz und Gemüth gerichtet ſey 3 daß es nicht nur 
den reich begabten, nicht nur den tüchtigen, edeln Menſchen, 
niht nur den Freund mit ſeiner Liebe umfaſſe , „denn ſo ihr 
eum nur zu euern Freunden freundlic) thut, was thut ihr 
Sonderliches , die Sünder thun auß alſo,“ == ſondern daß 
euer Herz auc< die größere Kunſt der Feindesliebe erlerne, 
dieſe8 weſentliche Merkmahl des Chriſten. Auc<h der Unbehol- 
fene, der Geiſtesarme, der Geſunkene , auc) der Beleidiger 
hat Anſprüche an dieß Herz , um ſo mehr, je verlaſſener ſolche 
Menſchen ſind , je mehr der Gleichgültigkeit, dem Spott, der 
Verführung und Verachtung preis gegeben. 
Und endlich: ſeyd ſtark in der Hoffnung! Sie ruhet auf 
dem Glauben , daß unſer Gott uns nie verläßt, und, wenn er 
auc<ß zögert mit ſeiner Hülfe, am Ende do< Alles herrlich 
hinaus führt. Werdet nicht irre an der Menſ<heit, wähnt 
nicht , daß ſie fort und fort ihrem Verberben entgegen gehe, 
das iſt ein düſterer, Gott läſternder Gedanke. Wie auch da 
und dort Völker finken und untergehen in ſittlichem Verderben, 
immer finden ſi<ß unter ihnen der Redlihen genug, die, das 
Salz der Erde, ſic) aufrecht erhalten, und die Würde des - 
Menſchen und Chriſten behauptenz und es heben ſim auch wie- 
der ganze Völker , treten mit friſcher Kraft hervor und zeigen 
den Muth, den ſittlihe Veredelung und Bildung und ein le- 
bendiges Gottvertrauen gewähren. So ſchreitet das Menſc<en- 
geſ<hleht im Ganzen genommen immer aufwärts , das lehrt 
die Geſchichte , dahin verweiſet uns das Wort des Heilandes : 
es wird ein Hirt und eine Heerde werden,“ Au< an eu- 
ern Zeitgenoſſen verzweifelt nicht, ſie ſind nicht ſchlimmer
	        
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