Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

111. Berichte. 103 
oder will er wirklich ven Heiland einen bigottiſchen Prieſter nennen? 
Das ſtimmte doch gar zu Übel zu der Ehrfurc<t, die Hr. R. gegen den 
Stifter der „Religion der Bruderliebe“ haben will. Vön dem edlen Schul- 
meiſter wird erzählt, er habe „ſeinen Kindern das Herz für das Gute er- 
wärmen und den Geiſt für Auffaſſung des Wahren und Nüßlichen aufſchlieſ- 
ſen wollen“, aber ſein alter Pfarrer „habe es nicht leiden wollen, daß er 
über den gewöhnlichen Schulſchlendrian hinausgehe , indem nächſt Leſen, 
Schreiben und Rechnen das Auswendiglernen von Bibelſprüchen und Ge- 
ſangbuchsverſen zur Bildung eines Landmanns ausreiche.“ 
„Wie bösartig oder wie =- dumm iſt es doch, wenn man thut, als 
ob ein Lehrer, der ſeine Kinder Bibelſprühe und Geſangbuchsverſe aus- 
wendig lernen läßt, nicht auch hieran und gerade hieran am beſten ihr 
„Herz für das Gute erwärmen“ und ihren Geiſt für Erkenntniß des Wahren 
und wahrhaft Nüßlichen aufſchließen könnte, und als ob der ſchlechte Zu- 
ſtand mancher Schulen und der da und dort allerdings niedrige Stand der 
Yolksbildung Niemand anders als dem Pfarrer zuzuſchreiben wäre, der den 
Schulmeiſter verhindere, ſeine Schüler weiſer und beſſer zu machen! Wie 
frech und gewiſſenlos iſt ferner die Behauptung Hrn. Roßmäßlers, daß „die 
Geiſtlichen , wenn fie gebildete Männer ſeien, meiſt gegen ihre beſſere 
Ueberzeugung ſprechen“, oder der Saß: „ein Geiſtlicher, der ſeine Ver- 
nunft nicht aufgegeben hat, muß begreifen, vaß die Kir<he ſammt ihren 
Dienern doch nur eine Dienerin der abſoluten Staatsgewalt iſt, 
und anſtatt die Menſchen zu freien, ſittlichen Weſen zu bilden , ſie zu blind 
gehorenden Staatsunterthanen machen zu helfen gezwungen wird.“ Was 
treibt wohl Hrn. R. zu ſfolc<en plumpen Lügen und Verdächtigungen ? Ohne 
Zweifel nichts anders als der Aerger darüber, daß das Volk bis jebßt voc<h 
ver Mehrzahl nach dem Herrn Chriſtus und ſeinen Apoſteln gehorſam ge- 
weſen iſt und ſich nicht unter die Aufrührer gemengt, wenigſtens noch nicht 
allgemein ſich von ihnen hat mitfortreißen laſſen , wenn ſie auch als gleißende 
Wölfe im Gewand von Parlamentsherren zu ihm gekommen ſind. Und 
weil man denn doch vor dem Volke noh nicht ven Muth hat, Chriſtum 
und ſein Wort ſelber als Dasjenige zu bezeichnen , wodurc< das Volk zur 
blinden Unfreiheit erzogen werde, ſo legt man es der Kirc<he Chriſti und 
den Geiſtlichen, die ſein Wort predigen, zur Laſt. Man denkt: ſind die 
Geiſtlichen in .Mißkredit gebracht als Leute, die ſelbſt nicht glauben, 
was ſie predigen , -- iſt die Kir<e der Verachtung preisgegeben, als wäre 
fie eine Anſtalt der Knechtſchaft, ſo hört der Reſpekt vor dem Wort Got- 
tes ſchon von ſelber auf, und das Volk iſt vann offen und zugänglich für 
vie radikalen Umſturzlehren, deren wirkſamſtes Hinderniß eben in dem Worte 
Gottes liegt, das den Aufruhr, die Empörung, den Meineid verdammt. 
Wir könnten noch Weiteres dieſer Art von Hrn. R, preisgeben , aber die 
bisherigen Proben werden hinreichen, um zu zeigen , in welchem Sinn und 
Geiſt und mit welcher Wahrbeitsliebe vie Herren Radikalen auf unſer Volk 
einzuwirken ſuchen und wie ſie ſich aller Kanäle, namentlich der Schulen, 
zu bemächtigen ſuchen, um ihr Gift zu verbreiten.“
	        

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