Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

Der Kosmos vor einem Keßergericht. 133 
dem Autor und dem Bearbeiter ſeines Werks dafür ſein, daß 
beide ihm den Weg zum Tempel der Wahrheit zeigten, welche 
ſtets, ſelbſt der ſüßeſten Täuſchung , vorzuziehen iſt. Wir wollen 
aber ſehen, ob beide ihn nicht irre leiteten. 
Wahr iſt es, Hr. Reuſc<hle erſparte ſeinem Leſer die im 
Eingang enthaltenen philoſophiſhen Betrachtungen, nicht aber 
den darin ſonſt verborgenen PantheisSmus, Läſe z. B, der 
Jüngling im Original Folgendes, was müßte er von der Re- 
ligion, die man bereits ein Reſultat der Philoſophie nennt, 
denken? Unter anderem alſo S, 16: „Ein dumpfes Gefühl von 
der Einheit der Naturgewalten, von dem Bande, welches das 
Sinnliche mit dem Ueberſinnlichen verknüpft , iſt ſelbſt dem Wil- 
den eigen, Die Sinnenwelt ſchmilzt zuſammen mit der Welt, 
welche er inneren Anklängen folgend, als ein Wunderland in 
ſeinem Buſen aufbaut. Dies iſt aber nicht der reine Abglanz 
von jener . . + -. Was bei einzelnen Individuen ſich als Ru- 
diment einer Naturphiloſophie darſtellt , iſt bei ganzen Stämmen 
ein Produkt inſtinktiver Empfänglichkeit, Auf dieſem Weg, in 
der Lebendigkeit dunkler Gefühle liegt der Trieb 
zum Cultus [wie franzöſirend!] die Heiligung dev er- 
haltenden und zerſtörenden Naturkräfte %)," Ferner 
3) Meine „Bearbeitung“ bezieht ſich blos auf ven rein naturwiſſenſc<haft- 
lichen Theil des Kosmos , das „Naturgemählde“, wie ich in der Vorrede 
ausgeführt habe. Humboldt geht weiter; im zweiten Bande gibt er auch 
die Geſchichte der phyſiſchen Weltanſchauung , und, ſowie in der als Ein- 
leitung dem erſten Bande vorangeſtellten Rede, äſthetiſche Betrachtungen über 
die Art, wie die Natur auf das menſchliche Gefühl wirkt und darin ſich 
ſviegelt, mit einem Wort über das Naturgefühl. Jn dem geiſtigen 
Weſen des Menſchen hängt aber das Gefühl mit anderen Thätigkeiten und 
Fähigkeiten aufs engſte zuſammen, mit der künſtleriſchen Phantaſie, dem 
philoſophiſchen Nachdenken, der religiöſen Anlage, und ſo knüpfen fib an 
das Naturgefühl Bli>e auf Naturmalerei und Naturpoefie, wie auf Natur- 
philoſophie und Naturreligion. Auf dieſe Naturreligion, welche in der 
Menſchengeſchichte ven höheren und der höchſten Geiſtesreligion bekanntlich 
voranging, bezieht ſich nun der obige „franzöſirende“ Ausſpruch, nicht auf 
Religion und Cultus überhaupt; er will zeigen, wie aus ven Naturgefühlen 
in Verbindung mit der urſprünglichen religiöſen Anlage des Menſchen die 
Naturreligion hervorgegangen ſei, welche das Göttliche, deſſen Jdee oder 
Ahnung eben die religiöſe Anlage iſt, in Naturkräften fand und aufgehen
	        

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