Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

134 1. Abhandlungen. 
S. 20: „Das Gefühl des" Erhabenen , in wiefern es aus der ein- 
fachen Naturanſchauung der Ausdehnung zu entſpringen ſc< eint, 
iſt der feierlichen Gemüthsſtimmung verwandt, die dem Ausdru>k 
des Unendlichen in den Sphären individueller Subjektivität ange- 
hört“! *), Endlich die merkwürdige Stelle S. 81, wo geſagt wird: 
„Die Natur iſt ihrem Umfang na< ein Unendliches'', was 
in unmittelbarem Widerſpruch mit dem auch widerſinnigen, aber 
lange für tiefſinnig gegolten habenden Satze ſteht „mundus est 
Sphaera, cujus centrum ubique , circumferentia nus quam.“*) 
ließ , während die Geiſtesreligion, indem ſie immerhin die geſammte Natur 
als göttliche Offenbarung auffaßt, die Fülle des Göttlichen erſt in der 
geiſtigen Welt geoffenbart findet. Was iſt nun ſo anftößig an der Hum- 
boldt'ſchen Aeußerung? Sollte vem Gegner die Thatſache von der Natur- 
religion und ihrer natürlichen Entſtehung unbekannt ſein ? oder ſollte er jene 
Stelle ſo gräulich mißverſtanden haben, als ob Humboldt hier alle und jede, 
oder vielmehr eine neue und wahre Religion , eine Kosmosreligion aus vem 
Naturgefühl herleiten und in Heiligung der Naturkräfte ſeßen wollte? ! 
4) Hier iſt vor Allem zu bemerken, daß der Gegner nicht wortgetreu 
citirt, was häufig vorkommt, im Gegenſaß wozu ich ihm eben Wort für 
Wort zu folgen geſonnen bin. I< werde meiſtens nicht darauf eingehen, 
hier aber iſt es zu auffallend, venn Humboldt ſagt „dem Ausdru> des 
Unendlichen und Freien in den Sphären (ideeller Subjektivität, in dem 
Bereich des Geiſtigen“, und der Gegner könnte hieraus vor Allem abgenom- 
men haben, daß Humboldt eine andere höhere Unendlichkeit, wo es ſich um 
Freies , Jdeelles , Geiſtiges handelt, neben der äußerlichen räumlichen Unend- 
lichkeit gar wohl kennt. Statt deſſen aber wird dieſer Saß als ein Haupt- 
anklagepunkt angeführt. Wie? dieſer einfache äfthetiſche Salz , wo lediglich 
vom Gefühl des Erhabenen (nicht etwa des Göttlichen) die Rede iſt? Dieſer 
Saß beſagt ja nichts als die Thatſache, daß vas Gefühl des Erhabenen, 
welches z. B. der Anbli> ves Meeres gewährt, verwandt ſei mit vem Ge- 
fühl ves Erhabenen, welches geiſtige Größe oder ein großartiges Kunftwerk 
einflößt. Dies geht ja ſchon daraus hervor, daß die körperliche Empfindung, 
ein Rieſeln des Schauers, wie bei Froft, in beiden Fällen dieſelbige ift; ſo 
pflegte z. B. einer meiner muſikaliſchen Freunde zu ſagen: „dieſe Sinfonie 
hat mir die Gänſehaut der Erhabenheit erregt." 
5) Man könnte an den geiſtigen Fähigkeiten des Gegners bei ſolchen 
Behauptungen irre werden. Hier ſoll ein Widerſtreit ſein ? etwa weil Um- 
fang Ueberſeßung von eireumferentia? Iſt jene Kugel, an deren Mittel- 
punkt man überall nur erſt iſt, wie weit man fortgehen mag, nicht eben 
nur eine geiſtreiche (nicht ſowohl tiefſinnige) Umſchreibung ver Unendlichkeit 
vem Umfang, d. h. der Ausdehnung nach ? Das Geiſtreiche gränzt eben als 
ſolches ſehr häufig ans Widerſprehende (oder Widerſinnige). Uebrigens
	        

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