Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

136 I, Abhandlungen. 
Das Prinzip dieſes Syſtems iſt eine endliche Summe von 
der Form na< unendlich verſchiedenen Theilen (molecules), die 
ſich im gränzenloſen Raume in Nichts bewegen und nac< Art 
des Falls falſ<er Würfel vereinigen. Abgerechnet den Wider- 
ſpru<, den die unendliche Verſchiedenheit der Formen der der 
Zahl nac< endlichen Theile erzeugt , iſt dieſe Vorſtellung denkbar, 
aber die erwähnte Art der Vereinigung mochte den Franzoſen 
doch gar zu ſonderbar erſcheinen, um dieſe lange für untrüglich 
gehaltene Philoſophie länger ſo zu betrachten ; kurz ſie verabſchie- 
deten ſie, Was ſetzte nun der Menſchenverſtand an ihre Stelle 
und an die der Lehre eines Weltſhöpfers? --- Den Pantheismus, 
die Natur- und Jhbentitätsphiloſophie, von welcher Humboldt 
„ein Rudiment“ ſchon bei den Bevorzugten roher Völker findet, 
und die alſo er, der Hohgebildete, um ſo eher ſeinem etwaigen 
Materialismus ſubſtituiren durfte, deren Princip er jedo< im 
Kosmos fehlen ließ 13), Hinſichtlich deſſen iſt aber dieſe deutſche 
Metamorphoſe der dunkelſte Punkt in der Geſchichte ver Erde, und es iſt 
deßhalb nicht zu verwundern, daß man insgemein ſo geneigt iſt, hier unmit- 
telbar auf eine Schöpfung zurükzugehen.“ Der Nachdru liegt hier, wie 
man fieht, auf dem geſperrt gedruckten Wort „unmittelbar“. Daß Pflanzen 
und Thiere unmittelbar von Gott geſchaffen ſein ſollten, ſo wie die ſein- 
ſollende Schöpfungsg eſ< ichte Moſis es angibt, können wir bei dem jeßi- 
gen Stande ver Geologie unv Aſtronomie nicht glauben, obgleich wir vie 
erſte Entſtehung der Organismen nicht anſchaulich und begreiflich machen 
können, aber wir ſchließen die göttlihe Urſächlichkeit nicht aus, wenn wir 
annehmen, daß durch fie urſprünglich Keime und Kräfte in die Erde gelegt 
waren, vermöge deren auf einem gewiſſen Punkt ihrer Bildung die organiſche 
Welt ſim entwi>keln mußte. 
13) D. h. Humboldt ſpricht zwar das gedachte Princip nicht aus, aber 
gleichwohl bekennt er fich dazu. Und warum? -- Er hat einige verdächtige 
Aeußerungen fallen laſſen (die obigen nämlich, die wir bereits in ihrem 
einfachen Sinn beleuchtet haben), namentlich hält er die Natur nach Umfang 
und Inhalt für unendlich und glaubt nicht an die moſaiſche Scöpfungs- 
urkunde: er iſt alſo entweder Atomiſtiker aus der franzöſiſchen oder panthe(- 
ſtiſcher Naturphiloſoph aus ver deutſchen Schule, Erſteres wäre allerdings 
möglich, da das Syſtem der Natur eben während Humboldts Jugendzeit in 
Frankreich erſchienen iſt, doh unwahrſcheinlich, weil es bereits wieder ver- 
altet iſt: folglich muß er das andere ſein und er hat ja ſelbſt geſagt, daß 
aus dem Naturgefühl bei einzelnen begabteren Jndividuen ein Rudiment 
von Naturphiloſophie hervorgehe. =- Gewiß eine bündige Schlußfolge und
	        

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