Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

. Der Kosmos vor einem Keßergericht. 137 
Lehre noc< abſurder als der franzöſiſche Materialismus,. Nimmt 
dieſer ein endlihes materielles Sein im unendlichen Nichts an, 
ſo muß ſich dieſes [als ein Anſchauendes] in das Daſein [als 
ein Angeſchautes] in jener Lehre unmittelbar verwandeln; woraus 
die Vorſtellung einer doppelten Unendlichkeit entſteht, welche, als 
undenkbar , an der Atomiſtik des Epikur von der Hegelſchen In- 
ſihzurü>nehmungsphiloſophie getadelt, aber denno< beibehalten 
wurde. Auf dergleichen ſtützt ſich die moderne Gottesläugnung!*) 
Ohne hier gründlich polemiſiren zu wollen, wer ſah oder 
dachte je einen unendlihen Raum? Antwort: Niemand! Die 
Vorſtellung von ihm entſtand offenbar aus dem falſchen Schluſſe, 
daß eine, wohlgemerkt in Gedanken , geſchaffene und fort und fort 
erweiterte Gränze ſich zuleßt in einem ſolchen Nichts verlieren 
müſſe 18), Wir fragen nun weiter , führt nicht deſſen Undenfk- 
barkeit unwillführli<h auf die Vorſtellung eines ſich ſelbſt begrän- 
zenden Urweſens , welches den von ihm auch venkend geſchaffe- 
nen Raum ins Unendliche hin durchdringt, verlängert und 
wieder ein Aushund von Verwechslung, indem ver Gegner jenen Spuren 
von Naturphiloſophie, wie z. B. daß Thales vas Waſſer für den Urgrund 
aller Dinge erklärt (denn ſolcherlei meint vaſelbſt Humboldt), flugs die 
Schelling-Hegel'ſche Naturphiloſophie unterſchiebt. Humboldt rechnet ſich 
zwar gewiß zu den „Hochgebildeten“, aber ift durch vie Naturbetrachtung 
weder zu einer Naturphiloſophie 3 1a Thales noc< a la Scelling gelangt, 
fonvern zu vem Inbegriff von Naturwiſſenſchaft, den er eben im Kosmos 
darſtellt als Ergebniß aller bisherigen Forſchung , deren Stelle aber in jenen 
älteſten Zeiten Säße wie die der joniſchen Philoſophen, gleichſam Anſäße 
zu einer „Vernunftanſchauung“ vertreten haben. 
14) Jn wiefern gehört denn dieſe Polemik gegen die Begriffsſpiele 
deutſcher Naturphiloſophen hieher? wo iſt im Kosmos von ſol<hem Seyn 
und Nichts die Rede ? Uebrigens iſt obiger Saß ein Ausbund von Unklar- 
heit , wovon die „Schuld“ lediglich am Anonymus liegt. 
15) Hiemit kommt der Gegner an etwas Weſentliches , denn den unend- 
lichen Raum und mit ihm die unendliche Welt behauptet der Kosmos ; hier- 
über iſt bereits im Eingang das Erforderliche geſagt, um dieſen Grund- 
gedanken ſowohl vor dem Vorwurf der Ungereimtheit als vor dem der Jr- 
religioſität zu ſhüßen. Hier nur no< ad howinem, daß man den unend- 
lichen Raum allerdings nicht ſehen kann (ein menſchliches Auge überſieht 
nur begränztes), und daß man nur erſtaunen kann, den unendlichen Raum, 
und wäre es auch der leere, ein Nichts nennen zu hören, ein Nichts iſt 
bekanntlich nur der (geometriſche) Punkt.
	        

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